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Tagblatt Online
22. Januar 2016, 06:55 Uhr

Zurück zur Wirteprüfung

Der Kanton St. Gallen verschärft das Gastwirtschaftsgesetz: Angehende Wirte werden härter geprüft. Zoom

Der Kanton St. Gallen verschärft das Gastwirtschaftsgesetz: Angehende Wirte werden härter geprüft. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

ST.GALLEN. Wer im Kanton St.Gallen wirten will, muss künftig auch Kenntnisse in Arbeitsrecht und Mehrwertsteuer nachweisen. Die Qualität der Gastronomie werde dadurch für den Gast um keinen Deut besser, kritisieren die Grünliberalen.

REGULA WEIK

Diese Gesetzesänderung sei «scheinheilig», sagt Nils Rickert, Kantonsrat der Grünliberalen aus dem Linthgebiet. Dem Gast werde vorgegaukelt, es werde damit eine bessere Qualität der Gastronomie erreicht. Das sei Augenwischerei. «Es geht doch gar nicht um die Qualität der Dienstleistung gegenüber dem Gast», ärgert sich Rickert.

Linus Thalmann, Toggenburger Gastrounternehmer und SVP-Kantonsrat, widerspricht – und auch nicht: Oberstes Ziel sei, die Qualität der Gastronomie zu verbessern – «nicht direkt auf dem Teller oder bei der Bedienung». Wohl aber, indem Wirte bessere Grundkenntnisse der Backoffice-Anforderungen ihrer Arbeit und Branche hätten.

Ohnehin ausgelagert

Heute müssen angehende Wirte Kenntnisse in Lebensmittelhygiene und Suchtprävention vorweisen. Das bleibt so. Neu wird aber auch ihr Wissen in Arbeitsrecht, Arbeitssicherheit, Rechnungswesen, Sozialversicherungsrecht und Mehrwertsteuerrecht getestet. «Das sind genau die Themen, die viele Gastronomen ohnehin an einen Treuhänder auslagern, um sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, nämlich die Bewirtung ihrer Gäste», sagt Rickert.

Die Grünliberalen seien «schockiert», dass sich SVP, FDP und CVP für diese «unsinnige und unnötige Regulierung» hätten einspannen lassen, hält die Partei fest. Dieselben Kreise, die sonst danach schrien, die Regulierung abzubauen, den Staat zurückzubinden und das Unternehmertum zu fördern.

Regierung wehrte sich

Die Grünliberalen sind nicht die einzigen Kritiker der Verschärfung des Gastwirtschaftsgesetzes. Auch die Regierung hatte sich vehement dagegen gewehrt. Sie komme im Grunde der Wiedereinführung der Wirteprüfung gleich; der Kanton hatte sie 1995 abgeschafft. «Suchen Sie das Heil nicht über neue Gesetze», hatte Regierungsrat Beni Würth das Parlament – und die Wirte – gewarnt. «Sie können Qualität nicht über ein Gesetz verbessern. Wenn sie schlechte Qualität bieten, bestraft sie der Gast – indem er wegbleibt.»

Kein Leistungsauftrag mehr

Auslöser der Debatte war eine Motion, die eine «bessere Ausbildung für eine vielfältige und gut funktionierende Gastronomie» forderte. Das Parlament unterstützte das Anliegen, wenn auch knapp. Zwei Stimmen gaben den Ausschlag. So musste sich die Regierung an die Ausarbeitung der neuen Anforderungen machen. Die vorberatende Kommission stimmt grossmehrheitlich der nun vorliegenden Gesetzesänderung zu (Ausgabe von gestern).

Heute hat der Kanton eine Leistungsvereinbarung mit dem Branchenverband Gastro St.Gallen. Dieser bildet die angehenden Wirte aus und prüft sie; ein knappes Drittel der Anwärter fällt jeweils durch. Da und dort wird moniert, die Verschärfung der Anforderungen komme einzig Gastro St.Gallen zugute. Die Kurse seien eine wichtige Einnahmequelle für den Verband; er agiere aus Eigennutz. Bestärkt fühlten sich diese Stimmen, als der Branchenverband am alljährlichen Mittagstreffen mit dem Kantonsparlament für das Anliegen der Motion warb.

Ob es am Buffet von Gastro St.Gallen oder am Anliegen lag – Tatsache ist: 70 Parlamentarier unterschrieben die Motion. Fakt ist auch: Die Regierung passt den Prüfungsmodus an. Der Kanton erteilt keine Leistungsaufträge mehr an externe Anbieter – weder für die Vorbereitungskurse noch für die Prüfung; er beschränkt sich künftig darauf, die Prüfungen anzuerkennen. Damit werde das Anliegen umgesetzt, «die Monopolstellung des bisherigen Anbieters Gastro St.Gallen nicht zu zementieren», heisst es in der Gesetzesvorlage.

Die Vorbereitungskurse für die Wirteprüfung bleiben freiwillig. Sie werden sich auf voraussichtlich 14 Tage verlängern; heute sind es 7,5 Tage. Und sie werden neu etwa 2800 Franken inklusive Prüfungsgebühr kosten; heute sind es 1580 Franken.

Debatte im Februar

Das verschärfte Gesetz gilt ab Januar 2017 – vorausgesetzt, das Parlament stimmt ihm zu. Die erste Lesung ist für die Februarsession traktandiert. Eine Gegenstimme ist heute bereits gewiss – jene von Rickert. Er sagt: «Stimmt das Parlament den neuen Bestimmungen zu, müsste es konsequenterweise die gleichen Anforderungen auch an selbständige Coiffeure und andere Gewerbetreibende stellen.»



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Kea (27. Januar 2016, 12:34)
Falscher Weg

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Wirt und einem Gastronomen? Ganz einfach….. der Gastronom kann rechnen….. unabhängig davon, aus welcher Richtung der Quereinstieg erfolgt! Aus dieser Sicht ergibt die Zwängelei vom Gastroverband gar keinen Sinn. Je nach Betriebsgrösse werden Buchhaltung, MwSt Abrechnung etc. sowieso ausgelagert. Da hat Herr Rcikert absolut recht. Seien wir doch mal ganz ehrlich: auch zu Zeiten als noch „ Wirteprüfungen „ erforderlich waren, um eine Gaststätte zu führen, war die Qualität der Bewirtung nicht annähernd so hoch wie heute. Früher kannten wir Begriffe wie Event & Erlebnisgastronomie noch nicht. Viele innovative Quereinsteiger haben die Qualität der Gastronomie gesteigert.
Wieso soll dieser Schwung mit Regulation wie anno Domini bis 1995 gebremst werden?
Deshalb….. lasst diesen Unsinn mit der neuerlichen Wirtprüfung!!

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Exilschweizer (22. Januar 2016, 10:43)
richtige Entscheidung

Ich finde den Wirtekurs mit abschliessender Pruefung,eine richtige Entscheidung.Ich habe eine 3jaehrige Kellnerlehre in D.abgeschlossen,danach in der Schweiz am Bodensee 20 Jahre als Kellner,zumeist als Barman gearbeitet.Dennoch musste ich das Wirtepatent,nach dem Wirtekurs und einer folgenden Pruefung erwerben.Jeder Betrieb,darf nur Lehrlinge ausbilden,wenn eine Meisterpruefung abgelegt wurde.Im Gastgewerbe gibt es nicht nur den gastronomischen Teil,zu beherrschen,sehr wichtig sind die hygenischen Kenntnisse,die Buchhaltung mit dem Lohnheft usw.unbedingt erforderlich darueber Kenntnisse zu erlernen und diese umzusetzen.Es kann nicht sein,das jeder,obwohl nie im Gastgewerbe gearbeitet,ein Restaurant eroeffnen und leiten darf.Nichts gegen gute Berufskenntnisse aus anderen Branchen,aber Kenntnisse ueber Gastronomie muessen unbedingt vorhanden sein.Ich begruesse die Wiedereinfuehrung,des Wirtekurses.

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