Tagblatt Online, 21. Juni 2012 07:39:00
Politiker auf der Schulbank
Teilnehmer, Wissenschafter und Lehrgangsleiterin im Gespräch: Die Gemeindepräsidenten Stephan Tobler (Egnach) und Sigi Asprion (St. Moritz), Lehrgangsleiterin Sara Kurmann und Hans-Dieter Zimmermann (von links). (Bild: Markus Löliger)
ST. GALLEN. Ein Pilot-Lehrgang der Fachhochschule St.Gallen gibt Gemeindeverantwortlichen Werkzeuge in die Hand, um gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen im Amt nachhaltig angehen zu können.
MARKUS LÖLIGER
Die Anforderungen an Gemeindepräsidenten steigen. Eine Kommune zu führen, verlangt neue Kompetenzen. Darin sind sich Praxis und Lehre einig. Herausforderungen sind die zu-nehmenden Zahlen von Sozialhilfeempfängern und alten Menschen ebenso wie neue Formen der politischen Partizipation angesichts neuer Medien.
Die steigenden Ansprüche bringen Gemeinden nicht nur finanziell an Grenzen, sie kratzen auch an deren Autonomie, weil die Kantone immer mehr Aufgaben auf die untere Ebene delegieren, oft ohne die Kompetenzen ebenfalls zu delegieren. Für Stephan Tobler, Gemeindepräsident in Egnach, ist klar: «Die Autonomie muss von den Gemeinden beansprucht und wahrgenommen werden.» Für Sigi Asprion, Gemeindepräsident von St. Moritz, ist die Autonomie Zankapfel zwischen Gemeinden und Kanton. Die beiden Kommunalpolitiker verbindet nicht nur der gemeinsame Beruf. Sie sitzen auch gemeinsam im Pilot-Lehrgang der Fachhochschule St. Gallen (FHS).
Einziger Schweizer Lehrgang
Der Zertifikatslehrgang «Gemeindeentwicklung» ist von der FHS in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten und -präsidentinnen und dem Verband Thurgauer Gemeinden entwickelt worden. Es ist der einzige Lehrgang in der Schweiz mit diesem Inhalt für politische Praktiker, sagt die Politologin und Lehrgangsleiterin Sara Kurmann nicht ohne Stolz: «Wir haben den Lehrgang auf Wunsch der Gemeinden entwickelt. Die Gemeindeverantwortlichen haben viel Wissen, das wir im Lehrgang wissenschaftlich abstützen und in eine Struktur einordnen, damit es systematisch genutzt werden kann.» Der Lehrgang vermittle nicht fixfertige Rezepte für einzelne Fälle, sondern Management- und Methodenkompetenz.
Die Teilnehmenden lernen den zweckmässigen Umgang mit Aufgaben und Problemen, lernen Standpunkte zu klären, zu argumentieren, Lösungen zu finden, um in ihrer Arbeit sicherer zu werden, sagt Kurmann. Der Lehrgang ist interdisziplinär – eingebunden sind die FHS-Fachbereiche Soziales, Wirtschaft und Technik.
Praktiker zufrieden
Die beiden Gemeindepräsidenten haben sehr unterschiedliche Zugänge zum gleichen Beruf: Während Stephan Tobler ein altgedienter Politfuchs ist, der auch auf kantonaler Ebene als Fraktionschef der grössten Partei im Thurgau eine Rolle spielt, ist Sigi Asprion ein Quereinsteiger. Die Anforderungen sind für beide aber gleich gross.
Neues Wissen verlangt
Gesellschaftliche Veränderungen, die demographische Entwicklung, regionale Zusammenarbeit, Standort-Marketing und Professionalisierung verlangen von der Gemeindeführung neues Wissen. Gefragt sind Persönlichkeiten mit Gestaltungswillen und Kompetenzen im Konflikt- und Krisenmanagement. Diese Anforderungen machen die Führungsarbeit zwar interessanter, aber auch anspruchsvoller.
Fühlen sich die beiden Teilnehmer kurz vor dem Ende der Weiterbildung nun besser gerüstet? – «Ja», sagt Sigi Asprion, «ich habe viel Neues gelernt, anwenderorientiertes Wissen über den Einsatz der Neuen Medien sowie Strategien aus dem Bereich des Konfliktmanagements bekommen. Zudem nehme ich viele Anregungen mit und habe neue Aspekte meiner Tätigkeit kennengelernt.»
Auch Stephan Tobler hat profitiert: «Man lernt in einem solchen Lehrgang nicht nur von den Dozierenden, sondern auch in den Diskussionen unter den teilnehmenden Praktikern. Dieser Erfahrungsaustausch ist wertvoll. Es ist auch einmal mehr klar geworden, dass man wirklich offen sein muss für Neues – neue Chancen, neue Impulse, andere Ideen. Ich werde gemeindeintern einen Workshop machen, um das Gelernte weitergeben zu können.»
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