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Tagblatt Online, 06. Mai 2011 01:06:55

Noch tanzen die Pugliesi

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Tanzprobe der «I Tarantolati» im Proberaum an der Davidstrasse in St. Gallen. (Bild: Coralie Wenger)

St. Gallen, dem einstigen Italienerkanton der Schweiz, gehen die Italienerinnen und Italiener aus. Das gilt nicht für die Tanzgruppe «I Tarantolati», die ihre Kultur auch in der Schweiz weiterpflegen.

CHRISTINA GENOVA

Noch Ende der 1970er-Jahre lebten hier gut 21 000 Menschen mit italienischem Pass, 2009 waren es gerade noch 13 000, wovon beinahe die Hälfte in der Schweiz geboren ist. Schon die Secondos, die Kinder der zu Zeiten der Hochkonjunktur zahlreich eingewanderten italienischen Gastarbeiter, haben sich den hiesigen Verhältnissen bestens angepasst, und bei den Terzeros, der dritten Emigrantengeneration, lässt nicht selten nur noch der Nachname auf die Herkunft der Grosseltern schliessen. Viele besitzen den Schweizer Pass und sind der Sprache ihrer Grosseltern kaum oder gar nicht mehr mächtig. Einst florierende italienische Institutionen oder Vereine haben an Bedeutung verloren, sind überaltert oder existieren schon gar nicht mehr. So musste die Scuola Italiana in St. Gallen 2005 schliessen, und vor vier Jahren strich der italienische Staat 60 Prozent der Mittel für die vom italienischen Konsulat in St. Gallen organisierten Sprach- und Kulturkurse.

Aktive «I Tarantolati»

Bei der Tanzgruppe «I Tarantolati» hingegen kennt man (noch) keine Nachwuchsprobleme. Die fast 30 Mädchen und junge Frauen und wenige Buben umfassende Truppe entstand vor bald zehn Jahren im Umfeld der Associazione Pugliese – des St. Galler Apulier-Vereins, sie tritt an Anlässen in der ganzen Schweiz auf. Die «I Tarantolati» tanzen die Pizzica, eine regionale Tanztradition des Salento, der Halbinsel im äussersten Südosten Apuliens, und entwickeln diese auch weiter.

Im Unterschied zu Emigranten aus anderen Regionen Italiens, die häufig schon vor 40 bis 50 Jahren eingewandert sind, reisten arbeitswillige Pugliesi noch bis in die 1980er-Jahre in die Schweiz ein. Entsprechend lebendig sind deshalb noch die Bindungen zur alten Heimat. Zwar sind alle «I Tarantolati» und auch die Mehrheit ihrer Eltern in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Zu Hause wird aber noch überwiegend Italienisch gesprochen, und die verwandtschaftlichen Kontakte nach Apulien werden intensiv gepflegt. Diese beiden Faktoren sind entscheidend für einen engen Bezug zur italienischen Kultur. Die Cousinen Deborah und Ylenia Maniglio, die sich schon seit Jahren bei den «I Tarantolati» engagieren, reisen denn auch nicht nur in den Sommerferien, sondern wann immer möglich nach Apulien. Zwar arbeiteten schon ihre Grossväter in der Schweiz, ihre Väter sind aber nur teilweise hier aufgewachsen, und Ylenias Mutter kam erst nach der Heirat in die Schweiz. Zu Hause wurde nicht etwa Italienisch, sondern apulischer Dialekt gesprochen.

In der Schweiz gut integriert

Integrationsprobleme sind den beiden Cousinen fremd. Sie sind gut ausgebildet – die 28jährige Ylenia hat Chemie studiert, die 22jährige Deborah arbeitet als Kosmetikerin. Das hat die jungen Frauen vor Identitätskrisen nicht verschont. Zwar bezeichnen sich beide ganz klar als Italienerinnen, obwohl Ylenia auch das Schweizer Bürgerrecht besitzt. Aber sowohl in der Schweiz als auch in Italien fühlen sie sich nicht ganz zugehörig. Donatella Barba, die Leiterin der «I Tarantolati», hat die Mädchen und jungen Frauen aber darin bestärkt, das Zu-Hause-Sein in zwei Kulturen nicht als Mangel, sondern als besondere Qualität zu begreifen.

Stolz, Apulier zu sein

Der Wunsch, ihre Kultur auch im schweizerischen Kontext weiterzupflegen trotz der Tatsache, dass die Anpassung an die Mehrheitskultur unaufhaltsam voranschreitet, lässt die Pugliesi enger zusammenrücken. Ein Foto im Internet zeigt die «I Tarantolati», wie sie bei einem Bühnenauftritt ein Transparent hochhalten mit der Aufschrift «Orgogliosi di essere Pugliesi» – Wir sind stolz, Apulier zu sein.




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