Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 28. April 2012 10:38:00

«Das schadet der Akzeptanz»

Durchgangsplatz Thal Zoom

Im Fuchsloch will Robert Raths einen Durchgangsplatz ermöglichen. (Bild: Urs Bucher)

THAL. Der Thaler Gemeindeammann Robert Raths ist sauer. Ständig müsse er sich mit Fahrenden herumschlagen. Vergangene Woche liess er eine Gruppe polizeilich wegweisen – doch sie kam wieder. Nun befürchtet Raths, das könnte Schule machen.

JEANETTE HERZOG

Zehn weisse Wohnwagen stehen auf dem Kiesplatz hinter der stillgelegten Discothek Arena. Auf Wäscheleinen und Maschendrahtzäunen sind Hosen, T-Shirts, Socken und Kleider zum Trocknen aufgehängt. Zwischen den Wohnwagen liegen Gasflaschen, ein Generator knattert, Kinder spielen. Eine Gruppe französischer Romas hat sich hier für ein paar Tage niedergelassen. Der Mieter des Platzes hat es ihnen zunächst erlaubt.

Dem Thaler Gemeindepräsidenten Robert Raths jedoch ist das gar nicht recht. Gemeinsam mit der Liegenschaftsverwaltung entschied er, dass die Roma weiterziehen müssen. «Die Fahrenden kennen diesen Platz. Es soll nicht Schule machen, dass sie sich hier einfach niederlassen können.» In Thal habe man schon zu viele schlechte Erfahrungen mit dieser Art Besucher gehabt. «Sie halten sich nicht an Abmachungen und hinterlassen Unrat», sagt Raths. Gerade auch diese Gruppe kenne er bereits. «Und ich habe schlicht keine Ressourcen, um mich ständig mit den Fahrenden herumzuschlagen.»

Offizieller Platz geplant

Der Kanton St. Gallen plant im Fuchsloch einen Durchgangsplatz für Schweizer Fahrende. Einfache Gebäude mit Toiletten und Duschen sowie einer Entsorgungsstelle sollen dort entstehen, eine Infrastruktur für 10 bis 15 Wohnwagen. Die Kosten in der Höhe von 1,2 Millionen Franken übernimmt der Kanton; Aufgabe der Gemeinde ist der Unterhalt, der aus Standgebühren finanziert wird. Der Thaler Gemeinderat hat das Projekt gutgeheissen. Noch sind aber neun Einsprachen von Anwohnern hängig. Raths befürchtet nun, dass das wilde Campieren Einfluss auf die Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf den geplanten offiziellen Durchgangsplatz haben könnte. «Das schadet der Akzeptanz des Projekts.»

Der Gemeindepräsident stellte den französischen Roma ein Ultimatum. Am besagten Tag machte die Gruppe jedoch keine Anstalten, sich vom Arena-Parkplatz zu entfernen. «Ich musste die Polizei aufbieten, um sie wegzuweisen», erzählt Raths aufgebracht. Die Beamten geleiteten den Wohnwagenkonvoi nach hitzigen Diskussionen schliesslich aus dem Gemeindegebiet.

«Ich bin ja auch Mensch»

Zwei Tage später nistet sich die Gruppe wieder auf demselben Kiesplatz ein. «Wir sind bis nach Graubünden gefahren, alle Plätze waren belegt», erzählt der Sprecher der Roma-Gruppe. Er nennt sich Carlos. «Was hätten wir sonst machen sollen?» In keinem anderen Land Europas sei es so schwierig, einen Platz für Wohnwagen zu finden wie in der Schweiz.

Tatsächlich gibt es in der Schweiz derzeit von nötigen 82 Durchgangsplätzen nur 43. Der Gemeindepräsident lässt sich also erweichen. Er erlaubt der Gruppe, zehn Tage im Buriet zu campieren und zieht 1000 Franken Kaution ein. Die Fahrenden dürfen bleiben, bis heute Samstag der Durchgangsplatz in Bellinzona die Saison eröffnet. «Ich bin ja auch Mensch», sagt Raths und seufzt. Danach sei aber Schluss. Notfalls rufe er erneut die Polizei.

«Gutes Geld verdienen»

Die Roma sind froh, ein paar Tage rasten zu können. Die Aufregung um ihre Anwesenheit verstehen sie aber nicht. «Die Leute sind voller Vorurteile uns Zigeunern gegenüber. Sie glauben, wir sind unzivilisiert, schmutzig und kriminell», sagt Carlos. «Woran das liegt, weiss ich nicht.» Er weist auf die teils neuen Wohnwagen, die gebührenpflichtigen Abfallsäcke und seine Kleidung – er trägt einen dunklen Anzug mit bunter Krawatte. «Wenn wir gehen, sieht der Platz aus, als wären wir gar nie hier gewesen», verspricht er.

Obwohl die Platzsituation in der Schweiz schwierig sei und viele Menschen ihnen gegenüber Vorbehalte hätten, lohne es sich herzukommen. «Hier können wir gutes Geld verdienen», sagt Carlos. Während der warmen Jahreszeit reist er mit seiner Gruppe durch Europa, klopft an Haustüren, fragt nach Arbeit. Er schleift etwa Messer oder poliert Veloketten. Im Winter lebt er in einer Wohnung in Frankreich.




Leser-Kommentare:
3 Beiträge

Kommentare lesen

ith.eduard (28. April 2012, 15:48)
Chance geben

Zweifelsohne, die Roma haben nicht den besten Ruf, zu dem sie aber auch selber beigetragen haben. In Altstätten hat man auf dem Stossplatz die Fahrenden ebenfalls in schlechter Erinnerung. Nur Kollektivaburteilung hat in einem demokratischen Rechtsstaat nichts verloren!

In der Position des Thaler «Gmoandli» (Gemeindepräsidenten) würde ich folgendermassen handeln:
Bewilligung erteilen mit klar festgehaltenem Abreisedatum. Alle Personen werden mit einem Formular - unter Vorweisen ihres Passes - registriert. Die Fahrenenden haben eine verhältnismässige Kaution zu leisten (analog dem Mietrecht). Diese wird bei der Abreise zurückerstattet, wenn alles sauber übergeben wird.

Wie sagt eine alte Weisheit: Wo ein Wille, da ist auch ein Weg!

Beitrag kommentieren

adolfk31 (28. April 2012, 15:43)
Woher eigentlich ....

kommen die "Fahrenden" urspruenglich ?????

Beitrag kommentieren

deich (28. April 2012, 12:29)
Verdrängen

Solange nicht genügend Durchgangsplätze zur Verfügung stehen, liegt das Problem mehr bei der Schweiz, nicht bei den Fahrenden. Sind genügend offizielle Plätze vorhanden, lässt sich alles viel besser regeln. Das sollte von einem Gemeindeammann wirklich zu gestalten sein, da braucht es keine Polizei. Man gewinnt den Eindruck, dass oft die "Angst vor dem Wahlvolk" regiert und Entscheide getroffen werden, die "Mut" beweisen sollen (ist jedoch eher "Schwäche"!). Ich weiss, "das mit den Fahrenden" ist leider nicht aus der Welt zu schaffen und lässt sich in einer Wohlstandsgesellschaft noch viel schlechter in ethische Bahnen lenken. Das Land geht aber doch nicht unter, auch nicht eine einzelne Gemeinde, wenn besonders sommersaisonal die Platzangebote den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen, wie sie nun mal vorhanden sind. Was möchte man da denn im Kern verdrängen?

Beitrag kommentieren

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

facebook.com / tagblatt

 ...