Tagblatt Online, 15. Juni 2009 01:01:10
Wenn Diabetes einfach verschwindet
Professor Bernd Schultes ist als Forscher einem Phänomen auf der Spur – nach einer Operation gegen Übergewicht haben 85 Prozent der Patienten keinen «Zucker» mehr. Jetzt geht er den Ursachen auf den Grund und hofft auf neue Erkenntnisse.
Für Ihr Forschungsprojekt haben Sie einen beachtlichen Beitrag bekommen. Was bedeutet dies für Sie und das Kantonsspital St. Gallen?
Bernd Schultes: Die Projektförderung bedeutet für mich sowie das Kantonsspital, dass wir unsere Stellung als eines der führenden Kompetenzzentren auf dem Gebiet der Adipositas- und Stoffwechsel-(Diabetes-)Chirurgie im europäischen Raum festigen und durch die verstärkte Forschungstätigkeit noch ausbauen können.
Dieser Förderbeitrag und die damit ermöglichte Forschung ist gut für die Reputation – neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Patienten mittelfristig zugute kommen werden. Bereits jetzt führen wir die meisten Operationen pro Jahr in der Schweiz durch. Unsere Stärke liegt aber vor allem darin, dass wir interdisziplinär zusammenarbeiten.
Wir haben in unserem Zentrum Chirurgen, Internisten (Endokrinologen/Diabetologen), Ernährungsberatung, Physiotherapie und Psychologen unter einem Dach, was für die Kommunikation und das Patientenmanagement optimal ist. Unsere Erfahrungen geben wir im Rahmen internationaler Workshops, die wir etwa viermal pro Jahr durchführen, an andere multidisziplinäre Teams aus ganz Europa und dem Mittleren Osten weiter.
Was bedeutet das «Verschwinden» der Zuckerkrankheit nach der Operation medizinisch und für den Patienten?
Schultes: Verschwinden bedeutet, dass der Diabetes häufig ganz weg ist und die Patienten keine Medikamente mehr einnehmen müssen. Dies ist häufig selbst bei Menschen so, die schon jahrelang Insulin spritzen. Das ist wirklich eine massive Befreiung für die Patienten, da sie dann auch häufig nicht mehr den Blutzucker regelmässig messen müssen.
Der Diabetes ist nicht bei allen Patienten ganz weg – etwa bei 10 Prozent nicht –, aber er verbessert sich eigentlich bei allen massiv. Das bedeutet für die Patienten weniger Medikamente und gleichzeitig auch eine erhebliche Kostenersparnis, da Patienten mit Diabetes extrem «teuer» sind, weil sie viele Medikamente benötigen. Einschränkend ist festzuhalten, dass wir noch nicht wissen, wie lange der Diabetes tatsächlich wegbleibt. Insbesondere bei einem Wiederanstieg des Gewichts ist ein Wiederauftreten des Diabetes möglich.
Daher sollte man besser nicht von Heilung sprechen. Trotzdem wäre selbst ein «Verschwinden» des Diabetes für zehn Jahre schon ein massiver Erfolg.
Was versprechen – oder erhoffen – Sie sich von Ihrem Projekt?
Schultes: Wir glauben, dass wir neue Erkenntnisse über die Diabeteserkrankungen insgesamt gewinnen werden, die mittelfristig die Entwicklung neuer Therapien erlauben. Die Beobachtungen, die wir bei unseren operierten Patienten stetig machen, stellen nämlich vieles, das man seit Jahren über den Diabetes Typ 2 zu wissen glaubte, stark in Frage. Beispielsweise, dass eine Heilung fast nicht möglich ist. Es geht vor allem darum, zu zeigen, dass sich der Schaden in bezug auf die Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse zurückbilden kann.
Was kann allenfalls ein Patient vom Projekt profitieren?
Schultes: Eingeschlossen in die Studie werden Patienten, die sich unabhängig davon einer Magenbypass-Operation zur Behandlung ihres Übergewichts sowie Diabetes unterziehen möchten. Im Rahmen der Studie wird der Zuckerstoffwechsel durch verschiedene Tests noch genauer untersucht. Der einzelne Patient erfährt also eine Menge über seinen Körper und kann miterleben, wie sich sein Stoffwechsel nach der Operation positiv verändert. Zudem können wir durch die verschiedenen Tests auch den Patienten genauer voraussagen, wie gross die Chancen stehen, dass der Diabetes nach der Operation verschwindet.
Interview: Markus Löliger
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