Tagblatt Online, 03. Dezember 2008 01:03:45
Tief unten brodelt's: Mit heissem Wasser heizen
In St. Gallen soll es nicht zu Erdbeben kommen: Erschütterungen, die durch Bohrungen für das Geothermie-Projekt in Basel (Bild) verursacht wurden, werden in St. Gallen nicht befürchtet.
Erdwärme aus 4000 Metern Tiefe könnte schon bald gegen die Hälfte der Stadt St. Gallen mit Wärme versorgen. Geologische Untersuchungen haben ergeben, dass der Untergrund dazu bestens geeignet ist.
sarah gerteis
st. gallen. In der Stadt St. Gallen herrscht Goldgräberstimmung. Geschürft werden soll aber nicht nach Edelmetall, sondern nach heissem Wasser für ein Geothermie-Kraftwerk. Die Chancen für das Vorhaben, Erdwärme für die Gewinnung von Strom oder Wärme einzusetzen, stehen gut. Gemäss dem Bericht eines externen Projektteams befindet sich tief unter der Stadt Wasser mit einer Temperatur zwischen 150 und 170 Grad Celsius, wie Marco Huwiler, Leiter des Projekts «Erdwärme St. Gallen» bei der Stadt, gestern auf Anfrage sagte.
Bis zu 4500 Meter tief bohren
Im April dieses Jahres wurde mit der Machbarkeitsstudie für ein Erdwärme-Kraftwerk auf Stadtgebiet begonnen. Nun liegen die ersten Resultate vor. «Sowohl Gebiete im Osten der Stadt als auch im Westen werden als sehr aussichtsreich für die Nutzung von Tiefengeothermie eingestuft», sagte Huwiler.
Den Untersuchungen zufolge befinde sich das heisse Wasser in einer Tiefe zwischen 4000 und 4500 Metern. Das Wasser soll durch ein Bohrloch an die Oberfläche gepumpt werden, wo es zur Produktion von Wärme und Strom eingesetzt und anschliessend in ein Fernwärme- oder Stromnetz geleitet wird. Durch ein zweites Bohrloch wird das genutzte Wasser anschliessend wieder tief unter die Erdoberfläche zurückgeführt.
Ersten Schätzungen zufolge wird für das Erdwärme-Kraftwerk mit Kosten von rund 120 Millionen Franken gerechnet, wie Stadtrat Fredy Brunner gestern gegenüber dem Regionaljournal von Radio DRS sagte. Dies sei vertretbar, wenn man bedenke, dass in der Stadt jährlich 150 Millionen Franken für fossile Energieträger ausgegeben werden. Für eine Stellungnahme gegenüber dem Tagblatt war Brunner gestern nicht zu erreichen.
Abstimmung 2010?
Die Machbarkeitsstudie für das Geothermie-Kraftwerk wird laut Huwiler im Februar oder März 2009 abgeschlossen sein. Geprüft werde unter anderem noch, ob eine kombinierte Produktion von Strom und Wärme Sinn mache. Wird das heisse Wasser nur für die Wärmeproduktion eingesetzt, könnte damit voraussichtlich rund ein Drittel bis zur Hälfte der Stadt beheizt werden.
«Parallel zur Machbarkeitsstudie wird geprüft, ob Seismik-Messungen durchgeführt werden sollen, um die Gesteinsschichten genauer zu analysieren», sagte Huwiler. Ziel sei es, im Sommer oder Herbst nächsten Jahres verlässliche Angaben zum Untergrund zu haben und mit der Projektierung der Anlage zu beginnen. Läuft alles nach «optimalem Fahrplan», könnte das Stimmvolk der Stadt St. Gallen bereits 2010 über das Erdwärme-Kraftwerk abstimmen. «Ende 2010 wären erste Bohrungen möglich, 2012 oder 2013 könnte das Kraftwerk den Betrieb aufnehmen», so Huwiler.
Wird das Erdwärme-Kraftwerk realisiert, wäre St. Gallen die erste Schweizer Stadt, die ihr Fernwärmenetz zu einem grossen Teil mit Erdwärme versorgt. Damit würde sie dem im Energiekonzept 2050 formulierten Ziel – der Abkehr von fossilen Energieträgern – einen grossen Schritt näher kommen.
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