Tagblatt Online, 16. Juni 2009 08:29:00
«Sich aufzuregen ist erlaubt»
«Man wird nicht Kult, bloss weil man früher stirbt»: Rainer Kuhn. (Bild: Bild: Oliver Nanzig)
ST.GALLEN. Rainer Kuhn lässt das «Kult» auferstehen. Das Heft, das in den 90er-Jahren die lokale Party-Szene aufmischte, hat seinen Ursprung in St.Gallen. Kuhn erklärt, weshalb früh zu sterben einfach nur blöd ist und das Landleben kreativ macht.
Katja Fischer
Guten Tag Herr Kuhn, Ihr «Kult»-Magazin, das Sie 2006 in Rente geschickt haben, gibt es jetzt wieder als Online-Ausgabe. Machen wir doch auch das Interview online, per Mail. Was meinen Sie?Rainer Kuhn: Mach ich gerne. Wann?
Wir können sofort loslegen.
Kuhn: Muss grad die Kinder ins Ballett fahren. Bin aber immer wieder mal online. Fangen Sie einfach mal an…
Gut. Ein sicherer Garant, um Kult zu werden, ist der frühe, dramatische Tod. Wieso lassen Sie «Kult» nicht in der Gruft ruhen?
Kuhn: Man wird nicht Kult, bloss weil man früh stirbt. Eine Menge Leute sterben früh, und keine Sau interessiert es. Und eine Menge Leute werden uralt und drum erst recht Kult. Weil dazu auch gehört, Schwierigkeiten zu überwinden, wieder aufzustehen, wenn man gefallen ist, und seine Ideen zu verwirklichen. Wenn man denn welche hat. Besoffen mit einem Porsche in eine Mauer zu fahren oder sich im Drogenrausch eine Ladung Schrot ins Hirn zu jagen, ist definitiv nicht Kult, sondern einfach nur blöd.
Haben Sie «Kult» aus der Rente geholt, weil Ihre anderen Projekte, «Stylebook», «Notebook», das «Kunst-Kult», nicht funktionierten?
Kuhn: Das «Kunst-Kult» hat sogar sehr gut funktioniert. Ich finde, man darf ruhig ein bisschen spielen mit solchen Sachen. Elvis Costello hat auch Klassik-Alben gemacht. Gute Musiker experimentieren, sie lassen sich nicht gerne auf einen Sound festlegen.
Muss man sich aber leisten können, das Herumexperimentieren.
Kuhn: Man muss es riskieren wollen. Das ist dann auch die unternehmerische Komponente, ja.
Haben Sie denn mit «Kult» richtig Geld verdient?
Kuhn: Wie viel ist «richtig»?
So, dass Sie nichts anderes mehr machen mussten.
Kuhn: Dann ja. Ich hab aber trotzdem immer wieder mal andere Sachen gemacht.
«Kult» haben Sie 1997 in St. Gallen zum ersten Mal herausgegeben. 2000 sind Sie damit nach Zürich gezügelt. Weshalb sind Sie in der Ostschweiz gestartet?
Kuhn: Ich hatte damals meine Werbeagentur Kuhn & Friends in Winterthur und eröffnete eine Dépendance in St. Gallen. Auf dem Land hat man mehr Zeit und Ruhe, etwas Neues aufzubauen.
Wenn Sie sich an Ihre Zeit in St. Gallen erinnern, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn?
Kuhn: Guido Manser, unsere Verteil-Girls und Melanie Oertig in der Jib-Bar.
Stimmt es, dass die St. Galler Gewerbe-Vereinigung bewirkt hatte, dass «Kult» vielerorts nicht mehr aufgelegt werden durfte?
Kuhn: War das so? Keine Ahnung mehr. Als ehemaliger Präsident der City-Vereinigung Winterthur kann ich das ohnehin nicht nachvollziehen…
Sie können sich aber schon noch daran erinnern, dass Ihr Heft nicht überall gut ankam? Sexismus und Dilettantismus waren noch die netteren Vorwürfe, die Sie sich anhören mussten.
Kuhn: Das Wort Sexismus ist wahrscheinlich das inflationärste Wort überhaupt. Interessant ist, dass dieser Vorwurf beim Rollenbild der Frau in der Waschmittel- oder Schokoladenwerbung nie erhoben wird. Dabei wär er da am nötigsten.
«Kult» wollte vor allem aufregen. Funktioniert dieses Konzept elf Jahre später und in digitaler Form immer noch?
Kuhn: «Kult» will in erster Linie unterhalten. Damals und heute. Ob auf Papier oder auf dem Bildschirm, ist dabei unwesentlich. Und es gibt immer irgendwelche Leute, denen es gefällt, sich aufzuregen. Sich über das «Kult» aufzuregen war eine einfache und gute Möglichkeit, sich als <Gutmensch> darzustellen. Das ist legitim.
Auch Ihre legendär schnoddrigen Interviews gibt es wieder. Wer wäre denn Ihr Lieblings-Interviewpartner gerade jetzt und für alle Zeit?
Kuhn: George Best, der legendäre nordirische Fussballer. Er ist aber leider schon tot. Die Leber.
Das macht es natürlich schwierig. Wie gefällt Ihnen denn so die Schweizer Promi-Szene?
Kuhn: Naja…
Aber Sie sind doch selbst fast ein Promi. Die «Schweizer Illustrierte» hat eine Homestory mit Ihnen gemacht, und beim «Blick» hatten Sie eine Kolumne. Viel mehr geht in der Schweiz nicht.
Kuhn: Die Homestory war im Jahr 2000 oder 2001. Weiss nicht mehr genau… Und die «Blick»-Kolumne schreibe ich seit März nicht mehr. Ich denke also, dass es schwierig ist, mir einen Promi-Status unterzujubeln…
Ist auch besser so, denn Promis kommen im «Kult» selten gut weg.
Kuhn: Stimmt. Jetzt muss ich aber wieder los, liebe Frau Fischer…
- «Kult» in permanentem Wandel
Rainer Kuhn (48) sorgte 1997 mit der Herausgabe des Gratis-Magazins «Kult» in St. Gallen für Wirbel. Das Heft, entworfen in seiner damaligen Werbeagentur Kuhn & Friends, nahm die lokale Party-Schickeria mit schnoddrigem Unterton und konsequent subjektiver Sichtweise auf die Schippe. Von den einen verehrt und den anderen gehasst, wurde das Heft ein Erfolg. 1999 zügelte der Verlag nach Zürich. 2002 baute Kuhn das Heft unter gleichem Titel zu einem Magazin für Fotografie und Literatur um. 2006 schickte Kuhn «Kult» schliesslich in Rente und konzentrierte sich auf seine beiden Publikationen «Notebook» und «Stylebook». Seit Anfang Monat gibt es das alte «Kult» online. www.kult.ch (kaf)
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