Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 23. Juni 2010 01:01:28

Religion erleben statt büffeln

Zoom

Erlebnispädagogik kirchlich institutionalisieren: Am Montag entscheidet die St. Galler Synode über die Einführung religiöser Erlebnistage. (Bild: Bild: ky/Alessandro della Valle)

Die Reformierten wollen ihren Nachwuchs stärker bei der Stange halten. Weil die Oberstufenreform die zweite Stunde Religion voraussichtlich aus dem Lehrplan kippt, sollen Erlebnistage als Voraussetzung zur Konfirmation eingeführt werden.

daniel klingenberg

Religiöse Angebote für Jugendliche ausserhalb der Schule gilt bei den Reformierten des Kantons St. Gallen als «Notstandsgebiet». Was heisst, dass nachkommende Generationen kirchlich schwächer sozialisiert werden. In der Synode vom kommenden Montag kommt nun ein Papier auf den Tisch, das Abhilfe schaffen soll. Unter der Bezeichnung «Geistliche Begleitung von Kindern und Jugendlichen» wird breit aufgearbeitet, wie eine zeitgemässe religiöse Sozialisierung aus reformierter Sicht aussehen könnte.

«Kirchen selber schuld»

Zu diesem Zweck sollen unter anderem in der Oberstufe jährlich vier bis fünf Erlebnistage eingeführt werden. Religion soll stärker als Abenteuer und Event denn als Denkleistung erlebt werden. Hintergrund dieses Vorschlags einer Arbeitsgruppe um Kirchenrat Martin Schmidt ist die Oberstufenreform 2012 der Volksschule. Heute sind in der 1. und 2. Oberstufe zwei Wochenstunden Religion Pflicht, deren Besuch gleichzeitig Voraussetzung zur Konfirmation ist. Mit der Reform soll nur noch eine Stunde Religion zum Lehrplan gehören.

Für Schüler, welche keinen Religionsunterricht besuchen, ist dann das Fach «Ethik und Kultur» obligatorisch.

Der Staat will aber Religion mit dieser Stundenreduktion nicht aus dem Lehrplan drängen. Vielmehr seien die Kirchen «selber schuld daran», heisst es in dem Papier für die Synodalen. Denn in etwa der Hälfte der Kirchgemeinden des Kantons sei schon lange bloss noch eine Lektion Religion unterrichtet worden – bei den Katholiken sollen es noch weniger sein (siehe Kasten). Dies unter Berufung auf eine Ausnahmeregelung.

Erlebnistage in der Freizeit

Mit den Erlebnistagen wollen die Reformierten daher zwei Probleme lösen. Einerseits will man die Voraussetzungen für die Konfirmation nicht noch weiter senken. Sowohl der Besuch der einen Wochenlektion Religion als auch die Erlebnistage sollen verpflichtend sein, wenn sich ein Jugendlicher konfirmieren lassen will. Anderseits hofft man, dass durch Erlebnisse eine stärkere Kirchenbindung wächst, als durch den wissensorientierten Unterricht.

Martin Schmidt stellt bei den Synodalen eine «mehrheitlich positive Reaktion» zum Papier fest. Offene Fragen dürfte es trotzdem geben. So finden die Erlebnistage in der Freizeit statt und kommen damit zum Pflichtteil zur meist schon reich befrachteten Agenda der Jugendlichen hinzu. Zudem dürfte am Montag auch zu reden geben, wer den zusätzlichen Arbeitsaufwand zu leisten hat.

Rituale für Kinder und Eltern

Wie eine Umsetzung aussieht, muss aber noch nicht entschieden werden. Die Kirchenparlamentarier sollen den Auftrag zur Ausarbeitung der nötigen Massnahmen geben. Entsprechende Anträge könnten laut Martin Schmidt bereits im kommenden Jahr in die Synode kommen. Nebst den Erlebnistagen enthält das Papier noch weitere Elemente, welche Gesprächsstoff bieten könnten. So ist vorgesehen, dass die Lebensübergänge der Kinder mit Einbezug der Eltern rituell zu begleitet. Gedacht wird an Tauferinnerungsfeiern, Gottesdienste zum Schuleintritt und alljährlich zu Schulstart und- schluss. Dies soll zum Pflichtangebot von Kirchgemeinde gehören.

Ein Kirchenratssitz wird frei

Weil die neue Legislatur startet, stehen an der Synode im Kantonsratssaal, welche um 10 Uhr startet und öffentlich ist, auch Erneuerungswahlen an. Im Kirchenrat gibt es einen Rücktritt zu verzeichnen. Für den Sitz von Margrit Eggenberger kandidiert Diakon Urs Noser aus Altstätten.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: