Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 20. August 2010, 01:02 Uhr

Maillart-Bau abgerissen – Fachleute sind empört

Zoom

Die Maillart-Filterhalle am Boden. (Bild: Bild: René Hornung)

Die Filterhalle des Wasserwerks Riet in Goldach, ein international bekanntes Bauwerk des Ingenieurs Robert Maillart, existiert nicht mehr. Fachleute sind empört über den Abbruch, doch die Anlage stand nicht unter Denkmalschutz.

René Hornung

goldach. Weil die Stadt St. Gallen als Eigentümerin für die Filterhalle keinen weiteren Verwendungszweck mehr sah, wurde das Bauwerk abgerissen. Kunsthistoriker Peter Röllin ist entsetzt: «Das ist der bisher grösste Verlust einer städtischen Infrastrukturbaute – ein Ingenieurwerk, das international Technikgeschichte geschrieben hat. Mit dem Abbruch der Filterhalle der St. Galler Stadtwerke erfährt die Kulturpolitik in Stadt und Kanton einen herben Rückschlag. Der Abbruch wird nicht nur schweizweit Wellen schlagen.

» Röllin wundert sich, dass dies kurz vor der Eröffnung der renovierten Lokremise, «eines anderen technischen Glanzstücks des frühen 20. Jahrhunderts», geschehen konnte.

Wie ein Pilz

Die Pläne für die Filterhalle stammten vom Betonpionier Robert Maillart (1872–1940). Er betrieb seit 1902 auch in St. Gallen ein Büro und hatte die Anlage für die «Wasserversorgungsanstalt Riet» des Stadtsanktgaller Wasserwerks geplant. 1912 wurde sie in Betrieb genommen. Sie bestand aus mehreren Becken, die – halb ins Terrain vergraben, halb darüber hinausragend – als Schutz vor Frost mit Erde überdeckt waren. Die Decke bildete ein Bassin für den darüberliegenden Humus und wurde von Stützen getragen, die oben und unten pilzförmig ausfächern. In der internationalen Fachliteratur wird die Halle im Detail beschrieben. Ihre schräge Decke erregte Aufsehen. Der Bau ist auch im Inventar der neueren Schweizer Architektur aufgeführt. Von Maillarts Pilzdecken, die er 1908 patentieren liess, gibt es schweizweit nur noch zwei: im eidgenössischen Getreidemagazin in Altdorf und in einem Lagerhaus in Zürich.

Mitte Oktober 2009 wurde das alte Seewasserwerk der St. Galler Stadtwerke vom Netz genommen – die Sandfilteranlage in Goldach hatte damit ausgedient. Ein erster Teil wurde aber schon früher abgebrochen, der Rest in den letzten Monaten. Ein arg lädierter Teil der Gebäude steht noch, doch handelt es sich nicht um die bekannte Säulenhalle – diese ist zerstört.

Noch 2007 stolz auf das Werk

Während andere Bauten von Maillart gut geschützt und restauriert sind – zurzeit engagiert sich die ETH für den Erhalt einer Maillart-Brücke im Wägital –, wurde über einen Denkmalschutz für die Filterhalle nicht diskutiert. Dabei war der Bau auch in der Region weitherum bekannt und wurde der Öffentlichkeit gezeigt. Und das Wasserwerk Goldach hatte 2007 in der Jubiläumsbroschüre die Säulenhalle noch mit grossem Foto stolz präsentiert.

«Nichts gewusst»

Bei der Denkmalpflege des Kantons St. Gallen finden sich dazu keine Unterlagen. Die Inventare müssen von den Gemeinden erstellt werden. Goldach hat zwar ein – bereits älteres – Schutzverzeichnis, dort sind die Filterhallen aber nicht aufgeführt. «Ein Jammer», sagt Moritz Flury von der kantonalen Denkmalpflege im Nachhinein. Man habe beim Kanton nichts vom Abbruch gewusst. Bei den St. Galler Stadtwerken habe man sich den Abbruch «gut überlegt», sagt Stadtrat Fredy Brunner. Weil es keine Schutzverfügung gibt, hatte die Standortgemeinde Goldach den Abbruch bewilligt. Hier entsteht später eventuell ein Wasserwerk.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
keine

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Tippen & Gewinnen

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg