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Tagblatt Online, 15. Juli 2009 01:03:54

Identität oder Identitätstümelei?

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Ein Ausschnitt der aufwendig gefertigten Globus-Kopie. (Bild: Bild: ky/Alessandro della Bella)

Die Diskussion um Kulturgüterstreit und Globusreplik ist eine vordergründige – Im Kern geht es um die Frage, was identitätsstiftend ist und ob es so etwas wie eine historische Identität überhaupt gibt. (1/2)

Peter Müller

Am 21. August wird die Globusreplik der Stiftsbibliothek übergeben (Ausgabe vom 8. Juli). Sie sorgt noch immer für Diskussionen – und mit ihr der sogenannte Kulturgüterstreit. Zur Erinnerung: 2006, nach fast zehnjährigen Verhandlungen, erhielt St. Gallen 35 Handschriften als «Dauerleihgabe» zurück und die Globusreplik als Geschenk. Die Handschriften und der Originalglobus sind Teil der Kriegsbeute, welche 1712 von den Zürchern abtransportiert worden war.

Stichwort Identität

Man hat den Eindruck, dass die hiesige «Globusfraktion» das Thema fast zu einem Gesinnungstest macht: Wer hier etwas kritisiert, ist kein guter St. Galler. Bei den Kritikern wiederum fehlt es vielfach an Verständnis für die grossen Zusammenhänge: Die St. Galler Stiftsbibliothek ist keine Dorfbibliothek, sondern eine Institution von abendländischem Rang. Ein Schlüsselwort in der ganzen Diskussion ist «Identität». Sind diese Handschriften für St. Gallen «identitätsstiftend», wie beispielsweise Stiftsbibliothekar Ernst Tremp am 20.

Mai 2006 in dieser Zeitung geschrieben hat? Oder handelt es sich – so etwa Kritiker Hans Fässler – um die Identitätstümelei eines bestimmten Milieus, fernab der heutigen Realitäten?

Reliquienkult?

Diese Fragen sind nicht ganz harmlos. Gerade in St. Gallen hat man die Tendenz, die eigene historische Identität vor allem in materiellen Objekten zu sehen: in Gebäuden, Erkern, Gemälden, Münzen, Kirchenschätzen oder eben Handschriften.

Erklären lässt sich das zum Beispiel als verweltlichte Form des Reliquienkultes – ein Eindruck, der sich vor allem bei den Ausstellungen und Buchpublikationen der Stiftsbibliothek fast unweigerlich einstellt. An sich ist das überhaupt nicht verwerflich, zumal heute viele Menschen das Bedürfnis haben, der Geschichte in konkreten Objekten zu begegnen. An ihnen können sie sich sozusagen «festhalten», meinen Fachleute.

Klaffende Lücken

Problematisch wird das Ganze dann, wenn diese Objekte als «Identität von uns allen» beschworen und erst noch zu wenig unterschiedliche Zugänge dazu geboten werden. Damit fühlen sich verschiedene Bevölkerungsgruppen nicht angesprochen – Geschichte ist heute eine multiperspektivische Angelegenheit. Zudem stellt sich die Frage nach der Definitionsmacht: Wer legt eigentlich fest, was unsere hiesige historische Identität ist – sofern es denn eine gibt?

In einer demokratischen Gesellschaft ist das theoretisch ein offener Diskurs. Konkret hängt aber auch hier vieles am Geld. Es bestimmt wesentlich mit, welche Vergangenheit erforscht, aufbereitet, wahrgenommen wird und damit präsent ist. In Stadt und Kanton St. Gallen mit ihrer dünnen Finanzdecke für Kulturelles müssen viele historische Projekte um jeden Franken kämpfen. Besonders in der Aufarbeitung des 19. und 20. Jahrhunderts – immerhin die unmittelbare Vorgeschichte unserer Gegenwart – klaffen riesige Lücken.

Für die 35 Handschriften und die Globusreplik hingegen werden mehrere Millionen Franken aufgewendet – ein Teil davon kommt aus dem Kanton St. Gallen. Viele Leute empfinden das als stossend. Man kann es ihnen kaum verübeln.

Einflussreiche Lobby

Für Diskussionen sorgt nicht zuletzt das Engagement des Kantons. Das Argument «Stiftsbezirk = Standortfaktor» hat seine Berechtigung. Problematischer ist der Verweis auf die «historische Identität». Der Kanton St. Gallen ist ein Schreibtischprodukt, das Napoleon 1803 aus unterschiedlichsten Teilgebieten zusammengesetzt hat – die Fürstabtei St. Gallen war das bedeutendste. Das wirkt bis heute nach. Die Identifikation der Bevölkerung und der einzelnen Regionen mit dem Kanton hält sich nachweislich in Grenzen. Die involvierten Körperschaften und Behörden tun sich mit dem Thema etwas schwer.

Stiftsbezirk und Stiftsbibliothek sind da willkommene «Behelfs-identitäten». Zudem haben sie den Vorteil, politisch nur wenig aufgeladen zu sein. Und 1983 wurden sie erst noch mit dem Label «Unesco-Weltkulturerbe» geadelt. So gesehen erstaunt es nicht, dass der Kulturgüterstreit in St. Gallen eine einflussreiche Lobby gefunden hat. Die Rehabilitierung von Polizeihauptmann und Flüchtlingsretter Paul Grüninger hatte es weitaus schwerer – hier geht es sozusagen «ans Lebendige», während über den Handschriften und dem Globus die Patina einer hehren, unproblematisch fernen Tradition liegt. Beide historischen Initiativen sorgten international für Schlagzeilen, könnten in ihrer Thematik aber nicht unterschiedlicher sein.

Identitätsbildende Fürstabtei?

Kurz: Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die Fürstabtei St. Gallen in der Ostschweiz eine wichtige geschichtsbildende und kulturelle Kraft war. Wie weit sie deswegen für unsere Identität massgebend ist, sein kann oder sein soll – das ist eine ganz andere Frage. Man kann sie sehr unterschiedlich beantworten.





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