Tagblatt Online, 24. Februar 2009 18:41:20
Haarscharf an Katastrophe vorbei
2006 wurde die für 13,1 Mio. Franken erbaute Turnhalle in St. Gallen-Riethüsli eingeweiht. An finanziellen Schaden mochte aber niemand denken. Überall war man erleichtert, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind.
Daniel Klingenberg
«Es klang wie eine Lawine. Etwa 20 Sekunden lang, am Schluss ein Knall.» So schildert ein Hauswart am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum (GBS) in St. Gallen-Riethüsli den Dacheinsturz der Dreifachturnhalle. Um 06.12 Uhr geht bei der Feuerwehr der Alarm ein, 06.28 Uhr ist sie vor Ort und sperrt die Umgebung ab.
Wie nach einer Explosion
Die Reaktionen an der Unfallstelle gleichen sich: Man ist entgeistert, fassungslos. Wie nach einer Explosion liegt die im Juni 2006 eingeweihte und für 13,1 Mio. Franken gebaute Halle in Trümmern. Noch 30 Meter entfernt hat es Fetzen gelber Isolationsmatten. Das einstürzende Dach muss wie ein Kompressor gewirkt und einen riesigen Druck ausgelöst haben: Auch die Eingangstür ist aus den Angeln gehoben. In der Halle selber liegen meterhoch Trümmer und wie von Titanen verbogene Stahlträger. Der Fitnessraum ist mit Glassplittern übersät. Das «rundum gelungene Bauwerk», wie es an der Eröffnungsfeier hiess, ist ein Spielzeug physikalischer Kräfte geworden. Nur die Uhr funktioniert noch.
Früh aus den Federn geholte Politiker müssen als erste die Sprache wieder finden. Denn um 7.30 Uhr ist bereits das Fernsehen vor Ort und Regierungsrat Willi Haag sagt, was er und weitere Personen im Laufe des Tages immer wieder wiederholen: Dass man «riesiges, unglaubliches Glück» gehabt habe.
Glück mit Einsturz-Zeitpunkt
Denn um diese Zeit – rund 90 Minuten nach dem Einsturz – hätten sich bereits 60 bis 80 Schülerinnen und Schüler in der intensiv genutzten Turnhalle warmgelaufen. Und am Vorabend war sie bis gegen 22 Uhr von Vereinen genutzt worden. Dass die Halle im ungenutzten «Zeitfenster» eingestürzt, ist macht deutlich, wie haarscharf man einer Katastrophe entgangen ist, bei der es nicht bei Sachschäden geblieben wäre.
Die Kommunikation ist vorbildlich: Um 9.30 Uhr gibt es an der Medienorientierung bereits eine «erste Auslegeordnung», wie Kapo-Sprecher Hans Eggenberger sagt. Vorneweg will er Spekulationen über die Unfallursache einen Riegel schieben: «Jetzt kann man nichts dazu sagen.» Es werde Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis Ergebnisse vorliegen (siehe Text unten). Klar ist jetzt auch, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind. Die Erleichterung darüber ist auch Kantonsbaumeister Werner Binotto und Feuerwehr-Einsatzleiter Melchior Rüdlinger anzusehen. Der Einsturz ist für Binotto ein «Rätsel». Es sei die neuste Halle des Kantons und nach neusten Erkenntnissen gebaut, dazu gehörten auch die Erkenntnisse, die aus dem Einsturz der Halle im bayrischen Bad Reichenhall gewonnen worden seien. Wobei die Hallen von der Konstruktion her nicht direkt vergleichbar seien.
Räumung anderer Turnhallendächer
Rasch wurde auch ein Krisenstab mit Vertretern aus Kanton und Stadt St. Gallen gebildet, wie an der zweiten Pressekonferenz am Nachmittag um 15 Uhr mitgeteilt wurde. Als Sofortmassnahme werde bei allen städtischen und kantonalen Turnhallen eine Räumung von schneebedeckten Dächern angeordnet. Der Schulbetrieb in der GBS werde weitergeführt, das kantonale Bildungsdepartement kläre ab, in welcher Art der Turnunterricht in der kommenden Zeit durchgeführt werden könne. Der Sachschaden wurde auf mehrere Millionen Franken beziffert. Auch mit der Planung eines Neubaus werde man so bald als möglich beginnen.
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