Tagblatt Online, 27. April 2009 01:04:56
Glossen zum Lauf der Welt
Heidi Eisenhut mit der glossierten Weltgeschichte aus dem 11. und ihrem Laptop aus dem 21. Jahrhundert. Die Glossen von damals hatten die Funktion der «Links» von heute. (Bild: Bild: Ralph Ribi)
Ob die Welt vom Zufall oder einem guten Gott regiert wird? Die Frage beschäftigte die St. Galler Mönche. Wie sehr, zeigt eine Arbeit, die eine einzigartige St. Galler Handschrift pionierhaft erschliesst.
JOSEF OSTERWALDER
ST. GALLEN. Bisher galten sie als Geheimtip, heute sind sie im Internet weltweit zugänglich: Ekkeharts Glossen zur Weltgeschichte, die im Kommentar münden: «Gott meint es gut mit seiner Welt, trotz aller Übel, die die Menschen plagen.»
Die Weltgeschichte selber hat zwar nicht der St. Galler Mönch geschrieben. Verfasst wurde sie sechshundert Jahre vor ihm, von Orosius, einem hispanischen Presbyter, im Auftrag des Kirchenvaters Augustinus: eine Darstellung des Weltlaufs vom Paradies bis zum Fall Roms im Jahr 410. Ekkehart IV. (ca. 980 bis nach 1057) hat diese umfassende Darstellung immer wieder gelesen und in wenigstens zwei deutlich erkennbaren Phasen seines Lehrer- und Gelehrtenlebens, vor 1022 und um 1057, mit 7400 Glossen versehen, teils kurzen Notizen, teils eigentlichen Kommentaren. Mit diesen wollte er die von Orosius beabsichtigte Botschaft verstärken: Die Welt wird von einem gütigen Gott regiert, Übel und Elend gehen auf die Kappe schuldhafter Menschen.
Bis heute aktuell
Dieses gewaltigen Geschichts- und Glossenwerks hat sich die Historikerin Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek in Trogen, in ihrer Dissertation angenommen. Sie zeigt, wie Ekkehart das Weltbild des Orosius mit eigenen Erkenntnissen illustriert – zum Beispiel, dass es Stolz und Überheblichkeit sind, welche die Mächtigen zu Fall bringen. Mit Orosius verbindet Ekkehart auch die Hochschätzung der Goldenen Regel (Behandle die Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest). Aktueller könnten seine Glossen gar nicht sein.
Ekkehart ist allerdings nicht nur an theologischen Zusammenhängen, sondern auch an Realien interessiert. Die von Orosius geschilderte Schlacht von Pharsalus zwischen Pompeius und Caesar illustriert er mit der Schlachtordnung der beiden Heere. Bei der Schilderung einer belagerten Stadt in Spanien fällt ihm das Stichwort «cervisia» (Bier) auf, was ihm Anlass gibt, die bei Orosius skizzierte Schilderung der Bierherstellung mit Ergänzungen bildlich auszumalen.
Begehrte Glossen
Die Weltgeschichte des Orosius gehörte zu den im Mittelalter geschätzten und immer wieder abgeschriebenen Werken. Aber auch die Glossen Ekkeharts fanden Verbreitung. In Engelberg, Schaffhausen und Zwiefalten/Stuttgart sind Handschriften aus dem 12. Jahrhundert erhalten, in denen sich der Orosius-Text samt den Ekkehart-Glossen findet.
Das Besondere an Heidi Eisenhuts Arbeit aber ist nicht allein der Hinweis auf dieses phänomenale Glossenwerk des St. Galler Mönchs. Ebenso bedeutsam ist der Weg, den sie mit ihrer Edition beschreitet.
Internet sei Dank
Glosseneditionen standen bisher vor einem fast unlösbaren Darstellungsproblem, vor allem wenn die Glossen aus unterschiedlichen zeitlichen Schichten stammen. Gelöst hat es Heidi Eisenhut, indem sie die Möglichkeiten des Internets zu Hilfe holte. Die Begegnung mit dem historisch interessierten Informatiker Max Bänziger führte zu einer pionierhaften Lösung. Auf einer speziellen Internet-Verbindung (http://orosius.monumenta.ch) erscheinen auf dem Bildschirm rechts das Faksimile der Orosius-Handschrift der Stiftsbibliothek, links die Glossen in ihrer verschiedenen Schichtung und das Ganze angereichert mit weiterführenden Links. Eine gewaltige Menge von Information, die man in frühern Zeiten nur mit einem Berg von Papier hätte vermitteln können.
Max Bänziger experimentiert mit seiner Webseite http://monumenta.ch an Hilfsmitteln für Philologinnen und Historiker zur Recherche und zur Erstellung elektronischer Editionen, indem er frei im Internet verfügbare Texte mit den bereits vorhandenen Digitaldaten von www.e-codices.ch verknüpft.
Kriminalistisch untersucht
Und warum weiss Heidi Eisenhut so genau, dass es immer Ekkehart selber war, der die über einen Zeitraum von mindestens drei Jahrzehnten hin entstandenen Glossen geschrieben hat?
Um sicher zu gehen, hat sich die Trogener Historikerin bei der kriminaltechnischen Abteilung der Kantonspolizei Zürich Hilfe geholt. Einen ganzen Tag lang untersuchte der auf Urkundenfälschungen spezialisierte Schriftexperte Wilhelm Landert die Glossen.
Sein Schlusskommentar: «Es gibt paläographisch keinen Grund, eine Autorschaft Ekkeharts auch bei der älteren Glossenschicht auszuschliessen.»
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