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Tagblatt Online, 22. Juli 2008 01:11:19

Die schwarze Zukunft der Kirche

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Martin Breitenfeldt, Direktor von Mission 21. (Bild: Bild: Hannes Thalmann)

ST.GALLEN. Martin Breitenfeldt war Leiter der Arbeitsstelle Kirche im Dialog. Seit Anfang Juli ist er Direktor von Mission 21 in Basel. Mission ist für ihn keine Einbahnstrasse: St. Galler Kirchen lernen von Tansania. Und umgekehrt.

Herr Breitenfeldt, Sie hatten hier die Aufgabe, St. Galler Kirchen mit Zweit- und Drittweltländern in Kontakt zu bringen. Interessiert das die Ostschweizer?

Martin Breitenfeldt: Ich habe beides erlebt: erstaunliches Engagement und erstaunliches Desinteresse. Für manche ist Mission einfach finanzielle Hilfe von Nord nach Süd – fertig. So, als seien die Kirchen des Südens vor allem Sozialfälle. Trotzdem: Gemeinden wie Grabs-Gams, Flawil und Rapperswil-Jona haben Kontakte aufgebaut nach Kuba und Costa Rica. Halden in St. Gallen ist stark verbunden mit Brasilien.

Was «nützt» denn einer St. Galler Kirche der Kontakt zu einer Gemeinde in China?

Breitenfeldt: Eine Kirchgemeinde ohne weltweiten Horizont ist ein Museum für religiöse Folklore und bestenfalls ein Quartierverein. Das Evangelium schafft weltweite Gemeinschaft der Menschen. Je direkter, desto besser.

Kirchbürger sind oft eher konservativ gegenüber Fremden. Das konnte man bei der Abstimmung zum neuen Asylgesetz sehen.

Breitenfeldt: Die Kirchenleitungen haben sich damals deutlich ablehnend ausgedrückt, was mich freute. Die Kirchbürger stimmten anders und haben sich vielleicht den gerne zitierten Slogan «Reformierte denken selber» zu Herzen genommen. Aber es gibt auch positive Beispiele: Wir haben in der St. Galler Laurenzenkirche mit ihrem doch eher bürgerlichen Publikum Anfang der Fastenzeit jeweils Gottesdienst mit einem Gast aus Übersee gefeiert. Das ist gut angekommen, auch wenn er Unbequemes sagte.

Sie haben wiederholt linkspolitische Positionen eingenommen. So konnte Micheline Calmy-Rey am Bettag mit kirchlichem Segen die SVP-Ausländerpolitik kritisieren. Sie waren zuvorderst dabei.

Breitenfeldt: Je mehr ich über die Situation in den Ländern der zweiten und dritten Welt erfahren habe, desto mehr kam ich in die Nähe linkspolitischer Haltungen. Denn eine auf einseitigen wirtschaftlichen Vorteilen bedachte Politik hat das Elend vielerorts vergrössert, statt zu mehr Gerechtigkeit beizutragen. Und eben dies muss unser Interesse als Kirche sein.

Wurde negativ reagiert, wenn Sie linke Haltungen einnahmen?

Breitenfeldt: Beim Engagement unserer Arbeitsstelle im interreligiösen Dialog gab es Austrittsdrohungen. Man warf uns vor, zu islamfreundlich zu sein. Zahlenmässig haben im Verhältnis zur Anzahl Kirchbürger aber wenige reagiert.

Sie sind Direktor von Mission 21 mit Sitz in Basel. Wenn man Mission hört, denkt man an Bekehrung und das «Neger-Kässeli».

Breitenfeldt: Das hat sich grundlegend verändert. Mission ist heute Aufbauarbeit vor Ort, man bietet Hilfe zur Selbsthilfe an. Mission 21 arbeitet in 17 Ländern, vorwiegend in Afrika und Asien. Mit Landwirtschaftsprojekten, aber auch Aids-Prävention, Frauenförderung und fairem Handel führen wir die Menschen zu mehr Selbstbestimmung.

Was macht der Direktor von Mission 21?

Breitenfeldt: Mission 21 macht die operative Arbeit für vier Missionswerke, grösster Trägerverein ist die Basler Mission. Wir stehen im Austausch mit 57 Partnerkirchen und -organisationen. Zudem haben wir ein Konferenzhotel in Basel. Ich muss einen Betrieb mit 120 Personen führen und zusammenhalten. Das Budget von rund 15 Millionen Franken kommt zum grössten Teil über Spenden zusammen.

Auch wenn Sie Missionsdirektor sind, wollen Sie den Kontakt zur St. Galler Kirche behalten.

Breitenfeldt: Etwas, was ich ankurbeln möchte, sind Gemeindepartnerschaften. Eine Umfrage hat gezeigt, dass ein Drittel der 55 St. Galler Gemeinden interessiert ist, in Direktkontakt mit Gemeinden in Übersee zu treten. Mission 21 kann da eine Drehscheibenfunktion wahrnehmen.

Die meisten Europäerinnen und Europäer sind aber schon um die halbe Welt gereist.

Breitenfeldt: Ich kenne Menschen, die sagen: Die Strände und Tempel hab ich jetzt gesehen. Es ist an der Zeit, etwas Sinnvolles zu machen. Denen können wir Kontakte anbieten und sie womöglich für Projekte gewinnen, in denen sie Mitverantwortung übernehmen können. Mission muss das Gefälle zwischen Nord und Süd vermindern. Austausch soll keine Einbahnstrasse sein.

Mission wird zu einer Art Reisebüro, das Familienanschluss in Partnergemeinden vermittelt?

Breitenfeldt: Wir leben in einer globalisierten Welt mit einem grossen sozialen Gefälle. Die Kirche muss ihre weltweiten Kontakte nutzen, um die soziale Ungerechtigkeit zu vermindern. Das bedeutet: Reisen, Kurz- oder Langzeiteinsätze, Direktkontakte zwischen dem Toggenburg und Tansania. Mit dieser Idee möchten wir Menschen anstecken.

Es ist bekannt, dass das Christentum in Afrika und Asien stark am Wachsen ist. Hier schrumpft es.

Breitenfeldt: Das ist richtig. Und noch mehr: Wachsen tut ein charismatisches und evangelikales Christentum. Die Bibel wird teilweise wörtlich und ziemlich naiv ausgelegt – ganz anders als bei uns, wo jeder Satz auf seinen vermutlichen historischen Gehalt untersucht wird.

Die europäischen Kirchen werden zahlenmässig zur Minderheit.

Breitenfeldt: Das sind wir längst. Mittlerweile sind wir die Exoten, nicht die Christen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Gerade aufgrund dieser Entwicklung sollten wir unsere kritische theologische Bildung weltweit fördern, sie ist eine Errungenschaft.

Die schwarze Kirche kommt sogar hierher: Migranten gründen in der Schweiz eigene Kirchen.

Breitenfeldt: Das war ein Teil der Arbeit von «Kirche im Dialog» in St. Gallen: den Kontakt zu Migrantenkirchen herstellen. Wir haben heute allein im Raum St. Gallen rund zwanzig. Einige liessen sich in die Nacht der Kirchen, die kürzlich stattgefunden hat, einbinden. Für die etablierten Kirchen ist es ganz wichtig, dass sie am Puls der Entwicklung der Migrantenkirchen bleiben. Auch hier können beide Seiten profitieren.

Interview: Daniel Klingenberg





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