Tagblatt Online, 13. Oktober 2009 01:02:51
Die Kleinen im Visier
Spitalpolitik: St. Gallen hat die Wegweiser gerichtet. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
Explodierende Prämien geben Forderungen nach Spitalschliessungen Auftrieb. Fachleute wollen 100 Spitäler schliessen, andere die Schweiz mit 50 Spitälern versorgen. Ist St. Gallen ein Sonderfall?
Markus Löliger
St. Gallen. Der Sonderfall. Im Kanton St. Gallen gibt es eine Strategie, hinter der Stimmbürger, Kantonsrat und Regierung stehen, und die ohne Spitalschliessungen Kosten sparen will. Insbesondere durch eine Konzentration des Angebotes und der entsprechenden Spezialisierung der Regionalspitäler. Eine gesetzliche Verankerung aller Standorte allerdings wurde vom Volk abgelehnt.
Das Jekami der Zahlen
Forderungen nach Schliessungen kommen aktuell von höchster Warte: Der scheidende Chef des Bundesamtes für Gesundheit, Thomas Zeltner, verlangt «die Schliessung von 100 der 350 Spitäler». Die verbleibenden müssten sich spezialisieren.
Der Gesundheitsexperte François de Wolff aus Lausanne wollte die Versorgung in der Schweiz sogar auf lediglich 38 Spitäler reduzieren und damit zwei Milliarden Franken sparen, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Moderater gibt sich im gleichen Blatt der St.
Galler Krebsspezialist und Präsident der Krebsliga Schweiz. Thomas Cerny erachtet einen Abbau auf 38 Spitäler als übertrieben – mehr als 100 gutausgebaute Akutspitäler aber brauche es nicht. Um Schliessungen zu verhindern oder zu mildern, empfiehlt Cerny den betroffenen Spitälern, sich als Gesundheitszentren auf die Rehabilitation, auf die Betreuung Chronischkranker und auf tageschirurgische Eingriffe zu konzentrieren. Pflegeheim oder Gruppenpraxis seien weitere Alternativen.
Gute Noten für die Kleinen
Wo immer Spitalschliessungen diskutiert oder gefordert werden – immer haben die Jäger die kleinen Häuser im Visier. Dabei kann die Grösse nur ein Kriterium von mehreren sein. Eine Automarke warb einst mit dem Slogan «man mag die Kleinen einfach besser». Ein Spruch, der auch für Spitalpatienten zu gelten scheint. Jedenfalls gingen im Kanton St.
Gallen Patientinnen und Patienten samt Politikern auf die Strasse für ihre von Schliessungen bedrohten regionalen Spitäler und wählten Gesundheitschef Anton Grüninger ab. In einer schweizweiten Umfrage unter Patienten schlossen die kleinen Häuser deutlich besser ab als die grossen – inklusive Universitätsspitäler.
Zu den wenigen Fachleuten, die nicht einfach die kleinen ins Visier nehmen, gehört Gesundheitsökonom Willy Oggier. Er schreibt zwar in einem «externen Standpunkt» in der «NZZ am Sonntag», dass fünfzig Spitäler genug seien, macht aber eine Einschränkung: Das gilt vor allem, wenn man diese 50 Spitäler neu bauen könnte. Schliessungen liessen sich nie von der Frage abkoppeln, wo die verbleibenden Patienten künftig behandelt werden sollen. Und die Antwort auf diese Frage falle eben im Kanton St. Gallen anders aus als im Aargau.
Der Gesundheitsökonom setzt auf die ab 2012 geltende neue Spitalfinanzierung, die Preise für Leistungen bezahlt und nicht einfach – wie bisher – Spitalkosten abgelten wird. Dieses System erhöht die Kostentransparenz, erleichtert den Wettbewerb und reduziert die Benachteiligung öffentlicher Spitäler gegenüber unternehmerisch freieren Privaten.
Der St. Galler Weg
Mit dem neuen Abrechnungssystem sollen die Spitäler gezwungen werden, vor allem das anzubieten, was sie gut oder besser können als andere. Da gibt es «Luft» für kleinere. Die St. Galler Spitalpolitik belegt das, indem die regionalen Spitäler ihre Leistungen konzentrieren und Netzwerke bilden – unter sich, aber auch mit dem Kantonsspital in St. Gallen. Zahlreiche Beispiele gibt es im Spitalverbund mit den Spitälern St. Gallen, Rorschach und Flawil, aber auch grössere Entfernungen sind kein Hindernis, wie beispielsweise die enge Zusammenarbeit des Spitals Grabs mit dem Kantonsspital in einem Onkologie-Netzwerk zeigt. Dazu gehört, dass Onkologen und Pflegepersonal des Zentrumsspitals hinausgehen und an Ort Supervision und Unterstützung bei komplexen Entscheiden, Eingriffen und medikamentösen Therapien leisten. Eine solche Zusammenarbeit entkräftet den häufigen Vorwurf, in kleineren Spitälern fehle bei schwierigen Eingriffen die Erfahrung und Routine. Dank Netzwerk bekommt der Patient im regionalen Spital die gleiche Qualität wie jener im Zentrumsspital.
St. Gallen hat diese enge Zusammenarbeit seit drei Jahren durch einen strategischen Entscheid des Verwaltungsrates der Spitalverbunde institutionalisiert.
-
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Artikel empfehlen:






Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben