Tagblatt Online, 14. August 2010 09:32:00
Das Stadion drückt schwer
«Ein Leben lang stolz auf euch»: Fan-Transparent im Jahr 2000 im Espenmoos – für einen FC St. Gallen auf dem Meistergipfel. (Bild: Archivbild: Hannes Thalmann)
ST.GALLEN. Die Finanzkrise der Betriebs-AG AFG Arena wirft viele Fragen auf, die sich in Stadt- und Kantonsparlament bereits im Jahr 2003 stellten. Und Skeptiker wie die damaligen Kantonsräte Reto Antenen und Thomas Hansjakob erhalten recht.
Marcel Elsener
Morgen empfängt der FC St.Gallen in der AFG Arena die Grasshoppers. Auf dem Rasen. Hüpfen werden indes viele Leute auch auf den Rampen: Die geheimnisvolle Rettungsaktion und die damit verbundenen Ungereimtheiten sind zum nervösen Gesprächsthema Nummer eins in der Ostschweiz geworden.
Nein, neue Zahlen gibt's nicht und auch keine Hinweise darauf, inwiefern sich Stadt und Kanton engagieren wollen. Dafür machen frühere Zahlen die Runde – angenommene, angepasste, bekannte und unbekannte.
Und bereits kursiert ein erster Witz: «Wie sagt doch Stadionvater Hans Hurni so schön: Die AFG Arena gehört uns allen.» (Ein Satz zur öffentlichen Aktienzeichnung 2007, umgemünzt auf den Steuerzahler.)
«Nur ein besserer Rohbau»
Dem erst angedeuteten Sanierungsprojekt bläst ein harter Wind entgegen: Bei Parlamentariern herrscht Skepsis oder Ablehnung vor.
Und manch einer im bürgerlichen Lager denkt, was der frühere Stadt- und Kantonsparlamentarier Reto Antenen (Unabhängige) sagt: «Die Linken scheinen recht zu bekommen, auch wenn ich das ungern zugebe.»
Antenen glaubt, dass ein weiterer Staatsbeitrag nur eine Chance hat, «wenn alle Aktiven und Passiven bis auf den letzten Franken auf den Tisch kommen». Er nennt Lohnsummen, Ticketing-Verrechnungen und besonders die endgültigen Baukosten und Abschreibungen. Die HRS, für die das letztlich 69,2 Mio. Fr. teure Stadion ein Geschäft war, habe einen «besseren Rohbau abgeliefert».
Stadt half oft im Espenmoos
Den teuren Ausbau für zehn Millionen leistete die Betriebs-AG – mit der Aufnahme von Fremdkapital bei mehreren Banken. Just diese Schuldenlast ist ein, vielleicht der Knackpunkt des Konstrukts. «Sportsmann» Antenen ist heute sehr kritisch, dabei gehörte der Präsident der aufgelösten Stadiongenossenschaft Espenmoos zu den Befürwortern des neuen Stadions und glaubte selber nie an eine Alternative mit Um- oder Neubau des Espenmoos'; er nahm sogar am «Sternmarsch» gegen die Einsprachen teil.
Wenn man nun Stimmen höre, die den FC in Konkurs gehen lassen wollten, müsse man wissen, dass die Stadt schon im Espenmoos mit Geldern half – für Bankdarlehen, Anteilscheine, Lichtsanierungen oder zuletzt für den Abbruch. Antenen: «Der grosse Unterschied zur heutigen AG ist die viele Freiwilligenarbeit im Espenmoos – ein Missverhältnis.»
Hansjakobs Bedenken
Ein Linker, der alle seine Befürchtungen bestätigt bekommt, ist der Erste Staatsanwalt des Kantons, Thomas Hansjakob. Als SP-Kantonsrat legte er anlässlich der Baulandschenkung 2003 den Finger auf die wunden Punkte. «Ich erinnere mich, wie es nach meinem Votum im Ratssaal so still wurde wie nie», sagt er. «Hernach kamen zwei FDPler und ein CVPler zu mir und gratulierten, sie seien gleicher Meinung.
Nur könnten sie sich die nicht leisten.»
Unterm Titel «Stadionprojekt: Undurchsichtig und unseriös» fasste er seine Bedenken im SP-Blatt «links» zusammen: Es «gelten andere Massstäbe als für jedes andere Bauprojekt. Es wird Land verschenkt; es sollen Bauten entstehen, die mit bau- und umweltrechtlichen Vorschriften in Konflikt sind; die wirtschaftliche Konstruktion ist undurchschaubar; die steuerrechtliche Behandlung ist fragwürdig; das Parlament verlangt von der anonymen AG nicht einmal einen Businessplan.»
Es gehe «halt um Fussball», schloss er, «da versagt offenbar bei vielen Leuten das Denken». Die SP-Fraktion hielt es demnach «für unverantwortlich, ohne weitere Prüfung Land im Marktwert von 42 Mio. Fr. zu verschenken».
Die gleichen Fragen
Nun könne man diese Fragen wieder stellen, meint Hansjakob. Ein Beispiel: «Ein Skandal schien mir schon damals, mit welchem Trick man der Arena AG die Zahlung der Grundstückgewinnsteuer erspart hat: Die AG erhielt ja das Land geschenkt,
verkaufte es dann aber den heutigen Grundeigentümern und finanzierte aus dem Erlös den Bau.» Statt der fälligen Gewinnsteuer erlaubte man der AG laut Hansjakob, «die gesamten Baukosten im ersten Jahr auf null abzuschreiben und diesen Aufwand mit dem Erlös für das Grundstück zu verrechnen. Ob der Bau heute wieder als Aktivposten in der Bilanz ist und in welcher Höhe, das interessiert.»
Wie Antenen fragt sich auch der Staatsanwalt, warum es in der Arena keine anderen Veranstaltungen und also in Aussicht gestellte Erträge gebe. Auch setzt er Fragezeichen hinter die unklare Trennung von HRS und Ikea oder den «zusätzlichen ertragbringenden Ausbau». Und er verweist auf die Interpellation Blumer zum Zwischenstand der Finanzierung, die von der Regierung im Mai 2007 mit schulterzuckender Gutgläubigkeit beantwortet wurde: «Eine zusätzliche Sicherung über den Kantonsrat ist nicht erforderlich.»
«Das Vertrauen kommt wieder»
Den Businessplan prüfte – nebst der kantonalen Finanzkontrolle – der Leiter des städtischen Finanzamtes, Reinhold Harringer. Er verwahrt sich dagegen, die Kontrolle habe versagt: «Businesspläne sind immer so gut wie ihre Annahmen. Gemäss der Unterlagen stimmten die Rechnungen.» Allerdings habe er auf die Risiken hingewiesen. «Es ging um Bauen oder Nichtbauen.» Harringer ist – ohne Details der geplanten Sanierung zu kennen – «optimistisch, dass das Vertrauen jetzt zurückgewonnen werden kann».
Vor dem Vertrauen kommt aber GC. Es wird spannend zu sehen, ob sich das Team aufrappeln kann. Und ebenso interessant werden die Gesten und Gespräche auf der Tribüne, in Logen und VIP-Orten. Möglich, dass vorläufig ein paar Plätze frei bleiben.
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