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Tagblatt Online, 11. Mai 2009 01:03:42

Angst vor evangelikaler Vereinnahmung

Eine Freidenkerin kritisiert die evangelische Kirchgemeinde Wil, weil diese Mitglied der Schweizerischen Evangelischen Allianz ist. Das sei eine extreme evangelikale Organisation, der man nicht beitreten, sondern entgegentreten müsse.

AnDREAS FAGETTI

WIL. Die Neurologin Maja Strasser wohnt und arbeitet in Bern, ist aber in Wil aufgewachsen und wurde dort konfirmiert. Ihr Vater lebt noch in der Äbtestadt. Und er ist Mitglied der evangelischen Landeskirche. Unfreiwillig gehört er damit auch zur Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), weil seine Kirchgemeinde Mitglied der freikirchlich dominierten Organisation ist.

Aus Gründen der Ökumene und zur Festigung der guten Zusammenarbeit unter den evangelischen Christen, wie der Wiler Pfarrer Christoph Casty die Mitgliedschaft begründet.

Maja Strasser, Mitglied der Freidenkervereinigung, warnt vor der SEA. Sie hält diese für eine «extreme evangelikale Organisation». Strassers Ansicht nach hätte die reformierte Landeskirche «die wichtige Aufgabe, den fundamentalistischen Evangelikalen mit ihren Absolutheitsansprüchen eine humanistische Position entgegenzusetzen», wie sie in einem offenen Brief schreibt.

Die Landeskirche unternehme aber nichts, weil sie die kleine Minderheit aktiver Kirchenmitglieder – darunter habe es vermutlich viele Evangelikale – bei der Stange halten möchte.

Beitritt ohne Rückfrage

Der Beitritt ohne Rückfrage bei den Gemeindemitgliedern ist ein weiterer Kritikpunkt. Es gehe nicht an, ungefragt zum Mitglied einer «fundamentalistischen Organisation» gemacht zu werden. Weshalb Maja Strasser erst jetzt aktiv wird? Ihr gehe es um Grundsätzliches.

Als Freidenkerin und säkular eingestellte Person habe sie sich mit christlichem Fundamentalismus auseinandergesetzt und wolle mit ihrem offenen Brief die Öffentlichkeit auf dessen Einfluss- und Vereinnahmungsversuche aufmerksam machen.

Beschluss der Vorsteherschaft

Maja Strassers Kritik hält Pfarrer Christoph Casty für überzogen. Es gebe keinen Anlass, der diese Kritik in dieser Form rechtfertige.

Er begründet den Beitritt zur SEA, den die Kirchgemeinde auf Beschluss der Vorsteherschaft und ohne Befragung ihrer Mitglieder bereits 2003 vollzog, mit ökumenischen Argumenten.

Der Wiler Pfarrer sieht die Mitgliedschaft auch als ein Zeichen gegen die Zersplitterung in der reformierten Welt. Der Beitritt bedeute zudem nicht, dass man automatisch die Positionen der SEA teile.

Vielmehr sei es ein pragmatischer Schritt, der die gute Zusammenarbeit der zwei Freikirchen in Wil mit der Landeskirchgemeinde festige.

Auch Sektenkenner Hugo Stamm teilt Strassers Einschätzung so nicht. Die SEA könne man nicht als extreme evangelikale Organisation bezeichnen. Allerdings vertrete sie Positionen mit sektenhaften Zügen. Und die Schlüsselpositionen in der SEA seien von Vertretern der Freikirchen besetzt.

Spricht die SEA offiziell als konservative evangelische Stimme, besteht somit die Gefahr der Vereinnahmung von liberalen Mitgliedern. Das sieht auch Dölf Weder so. Der Präsident der evangelischen Landeskirche des Kantons St. Gallen sagt, hier müsse man genau hinschauen. Die pragmatische Zusammenarbeit auf lokaler Ebene hält er aber für unproblematisch.

250 000 Mitglieder

Die SEA zählt nach eigenen Angaben 250 000 Mitglieder und ist in 80 Sektionen mit 550 Gemeinden gegliedert. In der Ostschweiz ist Wil nicht die einzige Landeskirchgemeinde, die in der SEA mitmacht: Unter anderem zählen Landeskirchgemeinden aus Chur, dem Prättigau, Frauenfeld, Kreuzlingen, Rheineck, Rorschach, St. Gallen, Sulgen, Weinfelden, aus dem Hinterthurgau und aus dem Werdenberg dazu.





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