Immer mehr Kindsmisshandlungen - "Züchtigung ist wieder eher toleriert"

KANTON ST.GALLEN ⋅ Die Zahl der Kinderschutzfälle im Kanton St.Gallen steigt. Die Ursachen sind unklar. Vermutet wird eine erhöhte Sensibilisierung der Bevölkerung und der Fachleute, aber auch der zunehmende Druck auf Eltern und Kinder.
05. Oktober 2017, 06:41
Laura Widmer

Laura Widmer

laura.widmer@tagblatt.ch

Fälle von Kindsmisshandlungen sorgen in den Medien für Aufmerksamkeit. Die vermeintlich weniger gravierenden Fälle gelangen seltener an die Öffentlichkeit. Während die Zahl der Kinder, die von Massnahmen der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) betroffen sind, im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent sank, nimmt die Zahl der vom Kinderschutzzentrum St.Gallen betreuten Fälle zu. Zu den 200 laufenden kamen im vergangenen Jahr 462 neue Fälle hinzu.

«Wir stellen fest, dass sich vermehrt Fachpersonen melden, denen Kinder erzählt haben, dass sie geschlagen wurden», sagt Dolores Waser Balmer. Sie ist Vorsitzende der Geschäftsleitung des Kinderschutzzentrums St.Gallen. Das Kinderschutzzentrum führt unter anderem Beratungen für Kinder, Jugendliche und deren Eltern durch (siehe Kasten). Die Ursache für die hohen Fallzahlen ist unklar. Ein Grund könnte laut Waser Balmer die erhöhte Sensibilität gegenüber der Thematik sein. Es sei beispielsweise eine Wechselwirkung spürbar zwischen der Anzahl an Schulungen, die durchgeführt würden, und den Anfragen, die beim Kinderschutzzentrum eingingen. Seit rund 15 Jahren sei ein Wandel bemerkbar. «Das Thema ist dank der Aufklärung etwas weniger schambehaftet für Opfer als früher und Eltern wagen sich vermehrt, eigene Grenzen einzugestehen.» Solches Wissen gerate aber auch schnell in Vergessenheit, sagt Waser Balmer. Schon ein Jahr später seien die Aufmerksamkeit wieder kleiner und die Inhalte eines besuchten Kurses weiter weg.

Gewalt in Erziehung häufiger geworden

«Körperliche Züchtigung ist sozial wieder eher toleriert», sagt Dolores Waser Balmer. «Hauen, einsperren und anschreien kommen leider vor.» Vor sieben oder acht Jahren sei eine Abnahme beobachtet worden. Jetzt komme Gewalt in der Erziehung wieder häufiger vor. Kindesschutzfälle verliefen in Wellen. Es sei möglich, dass sich in einigen Jahren auch der Flüchtlingsstrom bemerkbar mache. Das sei nach dem Krieg in Ex-Jugoslawien nicht anders gewesen. Flüchtlingsströme würden Menschen mit anderen Sozialisationen ins Land bringen. Für das Kinderschutzzentrum sei es schwieriger, diese Menschen zu erreichen. Das Kinderschutzzentrum arbeite jedoch eng mit Integrationsfachstellen zusammen.

Die Unterstützung und Erziehung eines Kindes sei heute schwieriger als früher, sagt Waser Balmer. Einen Grund dafür sieht sie in den digitalen Medien. Es werde viel Zeit am Mobiltelefon verbracht. «Eltern sind in diesem Bereich oft keine guten Vorbilder.» Auch der Zugang zu gewaltverherrlichenden Spielen ist über das Smartphone oder das Internet möglich. Beobachtet wird aber auch, dass Altersbegrenzungen bei Filmen oder Spielen nicht mehr eingehalten werden. «Weder von Kindern noch von Erwachsenen.» Es sei schwierig, bei solchen Themen die richtige Balance zu finden. Waser Balmer ist jedoch der Ansicht, dass ein zu früher Kontakt von Kindern mit Mobiltelefonen nicht förderlich ist. «Kinder brauchen in der Primarschule noch kein Handy», sagt sie. Dem pflichtet auch eine Fachmitarbeiterin des Beratungsdienstes In Via bei, der zum Kinderschutzzentrum gehört. Sie ist ausgebildete Sozialpädagogin. «Der Druck auf Familien ist in den vergangenen Jahren gestiegen», sagt sie. Die neuen Medien liessen die Kinder und Jugendlichen kaum mehr zur Ruhe kommen.

Überforderung der Eltern in Beratungen

Unruhige, abgelenkte Kinder, die viel Zeit am Mobiltelefon verbringen – hören sie deswegen auch weniger gut auf ihre Eltern? Nein, sagt die Fachmitarbeitern. «Es ist gut, wenn Kinder mitreden können.» Wenn von fehlenden Umgangsformen bei der heutigen Jugend gesprochen werde, dann müsse man das Umfeld anschauen, in dem Kinder heutzutage aufwachsen. In den Beratungen sei ausserdem eine gewisse Überforderung der Eltern zu beobachten. «Alle wollen es gut machen, wissen aber nicht, was bei der Erziehung ihrer Kinder eigentlich gilt», sagt die Fachmitarbeiterin. Es werde sehr viel über Erziehung geschrieben, mit den unterschiedlichsten Ratschlägen. Das verunsichere Erziehungspersonen. Dabei haben alle dasselbe Zeil: «Alle Eltern wollen gute Eltern sein», sagt die Fachmitarbeiterin. In der Beratung gehe es darum, mögliche Wege aufzuzeigen, wie mit einer schwierigen Situation umgegangen werden kann. Es sollten tragfähige Lösungen gefunden werden, die das Zusammenleben von Eltern und Kindern ermöglichen.

Beratung nach Prügelei mit Klassenkameraden

Grösstenteils melden sich bei der Beratung Angehörige, die bei ihrem Kind beunruhigendes Verhalten festgestellt haben. Beispielsweise, dass sich ein Kind immer mehr zurückzieht oder sich in der Schule mit einem Klassenkameraden prügelt. Aber auch Fachkräfte wie Lehrpersonen oder Mitarbeiterinnen eines Kinderhorts suchen beim Kinderschutzzentrum Rat. «Das Kinderschutzzentrum dient oft als erste Anlaufstelle», sagt Waser Balmer. Mit seiner Hotline «Tatkräftig» wendet sich das Kinderschutzzentrum auch an diejenigen Eltern, die in Überforderungssituationen unangemessen auf ihre Kinder reagieren. Allerdings melden sich wenige Eltern, da die Hemmschwelle in solchen Fällen sehr gross ist. Zu gross ist die Angst, dass das Kind weggenommen werden könnte. Dabei stehen die Mitarbeitenden unter einer strengen Schweigepflicht.

Andere Aufgaben als Kesb

Im Vergleich zu den Kesb ist das Kinderschutzzentrum keine Behörde und hat keine Entscheidungskompetenzen. Es kann keine Massnahmen, wie beispielsweise die Fremdplatzierung eines Kindes, anordnen. Die Kesb können jedoch involviert werden, wenn bei einer Kindeswohlgefährdung andere Problemlösungen nicht oder zu wenig erfolgreich sind, heisst es im Konzept zum Kinderschutz aus dem Jahr 2015. Damit sie Abklärungen treffen und Massnahmen beschliessen können, muss eine Gefährdungsmeldung vorliegen. Ist die Kesb in einen Fall involviert, so hat sie die Fallführung. Mitarbeitende des Kinderschutzzentrums unterstehen der Schweigepflicht. Gemäss den Mitarbeitenden komme äusserst selten vor, dass die Kesb informiert würden.

Bei den Beratungen stützt sich das Kinderschutzzentrum St.Gallen auf die Diskussionen mit Kindern in der Notunterkunft Schlupfhuus und in der Beratung und den Weiterbildungen. Fachlich werden die Studien von Fachhochschulen herbeigezogen, insbesondere von der Fachhochschule Zürich. Wichtig ist laut Mitarbeitenden aber vor allem die Eigenverantwortung der Eltern. Sie sollen selber herausfinden, was das Kind braucht und was ihm guttut.

Es kommt auch vor, dass sich Kinder und Jugendliche selber beim Kinderschutzzentrum St.Gallen melden, wenn sie Hilfe brauchen. Im vergangenen Jahr war das rund 100 Mal der Fall. Jugendliche trauen sich eher, selbst zum Telefon zu greifen. Kinder unter zwölf Jahren rufen seltener an. Es komme aber vor, dass ein Kind zusammen mit einer Lehrerin anrufe, sagt die Fachmitarbeiterin. Beispielsweise, wenn es wegen schlechter Noten Angst habe, nach Hause zu gehen.

Wann eine Beratung als abgeschlossen gilt, ist unterschiedlich. Die meisten Beratungen gehen über einen längeren Zeitraum. Nach jedem Termin werde abgesprochen, wann ein Klient sich wieder melden solle. Damit Beratungen nicht im Sande verlaufen, meldet sich eine Fachperson sporadisch bei Klienten, wenn diese nichts mehr von sich hören lassen.

Das Kinderschutzzentrum möchte betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene ermutigen, frühzeitig Hilfe zu holen. Das bedeutet, auch einen vagen Verdacht ernst zu nehmen und sich an Fachpersonen zu wenden.


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