Rorschachs legendärer Kinoauftritt

FILMKLASSIKER ⋅ «Das Menschlein Matthias» von 1941 läuft in restaurierter Fassung am Zurich Film Festival und auf SRF. Der Spielfilm nach dem Arbeitermilieu-Roman von Paul Ilg wurde grösstenteils in der Fabrikstadt Rorschach und im Appenzeller Vorderland gedreht.
03. Oktober 2017, 06:51
Marcel Elsener, Otmar Elsener

Marcel Elsener, Otmar Elsener

ostschweiz

@tagblatt.ch

Hafen, Kornhaus, Kabisplatz, Kirchstrasse beim Treppenhaus, Fabriksäle und Büros der Feldmühle: Rorschach, wie es vor 75 Jahren aussah, ist bald auf einer Zürcher Kinoleinwand und am Schweizer Fernsehen zu erleben. Die damalige Stickereifabrikstadt sowie die Landbeiz «Gupf» vor der Alpsteinkulisse in Rehetobel spielen die landschaftlichen Hauptrollen im Filmklassiker «Das Menschlein Matthias». Der aus Deutschland emigrierte Edmund Heuberger drehte das Dialektdrama 1940 nach dem gleichnamigen Roman des Thurgauer Schriftstellers Paul Ilg, der darin 1913 eigene Erlebnisse als Verdingbub im Appenzeller Vorderland verarbeitet hatte.

Nun haben das Schweizer Fernsehen und die Cinémathèque suisse den Schwarz-Weiss-Film mit Unterstützung des Vereins Memoriav aufwendig digitalisiert und restauriert – im Rahmen des jahrelangen Engagements für die Erhaltung von Schweizer Filmklassikern als Teil des nationalen Kulturerbes. Die Literaturverfilmung mit ihrer sorgfältigen Zeichnung des Bauern- und Arbeitermilieus wird als «heute fast vergessenes Bijou der Schweizer Filmgeschichte» gewürdigt. Speziell ist die Wiederaufführung von «Das Menschlein Matthias» auch, weil sein Hauptdarsteller noch lebt und jüngst wieder im Rampenlicht stand: Röbi Rapp, damals 11, lieferte mit seinem bewegten Leben die Vorlage für den semidokumentarischen Spielfilm «Der Kreis» (2014). «Dem Kleinen gelingen bereits Dinge, die sogar den erwachsenen Darstellern heikel sind: der staunende Blick, das erschreckte Zögern, das Resignieren», lobte die NZZ 1941 Rapps «Matthias»-Auftritt.

Begeisterte Pressestimmen, später kritische Einwände

Als der Film in den Kriegsjahren, zur Zeit der «geistigen Landesverteidigung», in die Kinos kam, feierte ihn die Presse als «Spitzenfilm». Mit dem «grossangelegten Dialektfilm» habe die Gotthard-Filmproduktion «einen bedeutenden Schritt vorwärts getan», meinte etwa das «Berner Tagblatt». Es sei der beste Schweizer Film seit «Wachtmeister Studer», ja er übertreffe «in Gehalt, Technik und Aufmachung» alle bisherigen Produktionen, wie es im «Vaterland» hiess. Spätere Kritiken, vor allem in den 1970er-Jahren, waren weniger gnädig mit dem rührseligen, theaterhaft erzählten Filmstück. Doch anerkannten sie die «sehr treffende Beschreibung des St. Galler Arbeitermilieus ohne die gängigen Verniedlichungen». Und sie strichen bei allem «Problematisieren im typischen Stil der Zeit» den Blick auf die Realität heraus, wie der «Tages-Anzeiger» (1979) meinte: «Immerhin packte er soziale Motive aus der Stadt – Fabrik, Arbeiter, Chefs – an, statt ihnen ins Idyllisch-Ländliche auszuweichen». Als «schlecht, aber sympathisch» wertet Werner Wider den Streifen in seinem Standardwerk zum Schweizer Film (1981); an ihm liessen sich alle Kinderkrankheiten hiesiger Produktionen diagnostizieren. Wider stellt allerdings fest, dass der Weg vom Unglück ins Glück «ausnahmsweise vom Land in die Stadt» führt: Leider werde die Stadt Rorschach, wo der uneheliche Bub seine Mutter aufsucht, «als Textilindustriezentrum sehr dürftig» vorgestellt. «Der Heimatfilmregisseur Heuberger hat es vorgezogen, einen historischen Umzug durchs Städtchen zu inszenieren, statt den städtischen Alltag optisch fassbar zu machen.»

Rorschacher als Komparsen und Umzugsteilnehmer involviert

Heute dürfte der Kinoblick dank «Nostalgietouch und viel Verständnis für den Zeitgeist» milder sein, meint SRF-Restaurierungsexperte Heinz Schweizer. Allein «die sehr schöne Kamera- und Lichtarbeit, die ausgesuchten Dekors» und der Blick in eine Fabrik machten «Das Menschlein Matthias» sehenswert. Erst recht Ostschweizer werden die Schauplätze interessieren: Rehetobel, Herisau, vor allem Rorschach. In der Hafenstadt waren die Dreharbeiten 1940 auf grosses Interesse gestossen, viele Einwohner hatten Statistenrollen. Als im Herbst die dramatischen Schlussszenen gedreht wurden, stand halb Rorschach im Hafen: Anstelle von Rapp liess sich ein Zwölfjähriger aus der Stadt vor Hunderten Schaulustigen von der Hafenmauer ins kalte Seewasser fallen. Regisseur Heuberger hatte den Verkehrsvereinspräsidenten nach einem guten Schwimmer suchen lassen, weil er keine Erkältung seines jungen Hauptdarstellers riskieren durfte. Der Sechstklässler Charly Köppel wurde zum Stuntman: Im Hotel Anker am ganzen Körper eingefettet, erhielt er 60 Franken Gage und nach eigener Aussage folgende Regieanweisung: «Ich musste beim Leuchtturm einem Mann, der am Land stand, zuwinken, dabei das Gleichgewicht verlieren und rückwärts auf der Nordseite der Hafenmauer in den See fallen, mit den Händen um mich schlagen, abtauchen und wieder auftauchen.»

Romangetreu wurde für den Film ein Festumzug von 1938 wiederholt. «Gestalten aus früheren Jahrhunderten, Ritter zu Pferde, bärtige Jäger, Ritterfräulein, Diplomaten, Kriegsleute aus dem Mittelalter zogen durch die Strassen», schrieb ein Chronist. Wie am Hafen verfolgte an der Kirchstrasse viel Volk die Aufnahmen. Man hoffte, sich als Umzugsteilnehmer oder Zuschauer danach im Film selbst zu erkennen. An Ostern 1942 kam der Streifen in die Ostschweizer Kinos. Der damalige «Tagblatt»-Kritiker lobte «die menschlich ergreifende Geschichte» in höchsten Tönen: «Wie trefflich ist das düstere Geschehen oben im Appenzeller Berghaus und dann wieder die ganz andere Welt der Hafenstadt am See, der Stickereigrossbetrieb und die Industriearbeiterschaft gezeichnet.» Umso spannender das heutige Wiedersehen mit dem «fast vergessenen Bijou», das notabene die Frage aufwirft, warum Elisabeth Gerters «Die Sticker» nie verfilmt worden ist. Vielleicht weil die Verfilmung von Ilgs Roman zuvorkam?


Leserkommentare

Anzeige: