Mord, Roboter und ein Olma-Cowgirl

DREHBUCH-WETTBEWERB ⋅ Erstmals hat der Kanton St.Gallen Preise für Filmideen vergeben. Die besten Exposés umfassen einen Science-Fiction-Film, eine Teenie-Komödie, einen Gerichtsfilm um eine Kindsmörderin und einen Musical-Film.
12. Januar 2018, 05:18
Melissa Müller

Melissa Müller

Damit gute Filme entstehen, braucht es ein gutes Drehbuch. In diesem Wissen hat die kantonale Filmkommission erstmals einen Treatment-Wettbewerb für Filmschaffende ausgeschrieben – und am Mittwoch im Kinok in der St.Galler Lokremise vier Preise für Filmideen vergeben. Bedingung: Der Stoff sollte einen St.Galler Bezug haben. «Wir sind überzeugt, dass die Ostschweiz viele überraschende Stoffe und Drehorte hergibt», sagt Mireille Loher, Geschäftsführerin der Filmkommission.

34 Filmschaffende hatten ihre Exposés eingeschickt. Die Gewinner erhalten je 15'000 Franken. Mit dem Preisgeld können sie ihre Drehbuchvorlage ausarbeiten, die im Fachjargon «Treatment» heisst – und sich damit bei einer Produktionsfirma bewerben. «Ein kleiner Beitrag mit grosser Wirkung», sagt Mireille Loher. Eine intensive Auseinandersetzung und Bearbeitung des Filmstoffs in einer frühen Phase und über verschiedene Entwicklungsstufen hinweg sei entscheidend für die spätere Filmqualität.
 

St.Galler Prozess gegen eine junge Näherin

Zu den Preisträgern gehört das Duo Roland Schäfli (ehemaliger Autor bei «Giacobbo/ Müller») und Schriftstellerin Michèle Minelli. Ihr Projekt basiert auf Minellis 2015 erschienenem Roman «Die Verlorene». Er erzählt die wahre Geschichte der Bischofszeller Nähgehilfin Frieda Keller. Die junge Frau wird vergewaltigt; mit 24 tötet sie ihren Sohn. 1904 wird ihr in St. Gallen der Prozess gemacht. «Das ist ein Film», schoss es dem Thurgauer Roland Schäfli durch den Kopf, als er das erschütternde Buch las. Auch Preisträger Urs O. Bühler ist ein Filmprofi, der sich das Schreibhandwerk in Hollywood angeeignet hat. Heute gibt er Kurse in Drehbuchschreiben an Klubschulen in St.Gallen und Zürich. Bühler plant ein Drehbuch für einen Science-Fiction-Film, der im Alpstein spielt. Die Menschen im Rheintal haben durch verseuchtes Trinkwasser Nanobots aufgenommen, Roboter in Nanogrösse. Dadurch haben sie jegliche Empathie verloren. Ein paar Bergler sind die einzigen, die noch Mitgefühl haben. Sie ziehen sich auf den Hohen Kasten zurück, um unverseuchtes Quellwasser zu trinken. Im Winter müssen sie ins Tal. Dabei dürfen die zwei Hauptfiguren keine Gefühle zeigen – obschon sie sich verliebt haben. «Wenn Emotionen unterdrückt werden müssen, entstehen die besten Liebesgeschichten», sagt der Autor.
 

Komödie über das Bauernsterben

Newcomer werden ebenfalls gefördert, wie der Fricktaler Marc Vogel, der die Filmakademie Baden-Württemberg abgeschlossen hat. «Mein Bezug zu St.Gallen ist, dass ich hier einmal eine Freundin hatte. Ich war das letzte Mal hier, als sie mit mir Schluss machte», sagte der 32-Jährige. Vogel hat die fünfköpfige Jury mit einer Idee für eine Olma-Komödie überzeugt. Eine 14-jährige Bauerntochter muss zusehen, wie ihr Pferd verkauft wird. Aus der Not beginnt das Mädchen, auf der Kuh Cervelat zu reiten. «Ein Mädchen auf einer Kuh: Das ist ein filmisches Bild», meint Vogel. Im Internet wimmle es von Youtube-Filmen von Kuh-reitenden Mädchen. «Es soll ein unterhaltsamer Film werden, der aber auch relevante Themen wie das Bauernhofsterben beleuchtet.»

Der 31-jährige St.Galler Ni­nian Green spürt seiner Biografie nach. Sein Exposé handelt von der Geschichte seiner Eltern, aber auch von Homophobie und Rassendiskriminierung. Sein Vater, Musiker Malcolm Green, kam 1979 von Virginia nach St.Gallen. 40 schwarze Amerikaner spielten im damals sehr bürgerlich-konservativen und rein weissen St. Gallen das Musical «The Raisin». Die Welten, die da auf­einanderprallten, interessieren Green, der an der Zürcher Hochschule der Künste Film studiert hat. Mit Dennis Ledergerber gelang ihm 2008 mit dem Low-Budget-Kinofilm «Zufallbringen» ein Erfolg. Für «The Raisin» hat Green 2016 bereits einen Werkbeitrag erhalten. Nun sucht er Zeitzeugen, die 1979 mit dem Musical zu tun hatten oder etwas darüber erzählen können.

Ein Film erfordert nicht nur ein ausgefeiltes Drehbuch, sondern auch enorme Ausdauer. Die in New York lebende St. Galler Animationskünstlerin Michaela Müller arbeitete sechs Jahre an ihrem elfminütigen Film «Airport», der von Fa Ventilato vertont wurde. Sie zeigte das faszinierende Werk nach der Preisverleihung erstmals in St.Gallen und erntete brandenden Applaus.

Verbesserung der Ostschweizer Filmförderung

Lange wurde die Filmförderung im Kanton St.Gallen eher stiefmütterlich behandelt. Das hat sich geändert: Seit 2012 hat das Amt für Kultur eine Filmkommission fest installiert, mit einem Jahresbudget von 600'000 Franken. Die Kommission besteht aus Bri­gitte Hofer, Filmproduzentin, Luc Schaedler, Dokumentarfilmer, Ursula Badrutt, Leiterin der Kulturförderung, Esther Hungerbühler, Mitarbeiterin Kulturförderung, und Mireille Loher, Geschäftsführerin der Filmkommission. In der Schweiz wird die Abfassung von Treatments (Vorstufe eines Drehbuchs) und Drehbüchern be­deutend seltener gefördert als eigentliche Filmproduktionen. Die St.Galler Filmförderung ist sich dieser Lücke bewusst und setzt mit dem Treatment-Wettbewerb bei der Stoff- und Projektentwicklung an. Unter den 34 eingereichten Exposés seien einige vielversprechende und experimentelle Vorschläge, auch aus dem Ausland. Die Filmkommission will diese im Auge behalten. (mem)


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