Die Drogenhölle im Stadtzentrum

Das Ende der Achtzigerjahre offen zu Tage tretende Drogenelend empörte St. Gallen – bis im Herbst 1993 die Polizei die offene Drogenszene auflöste. Danach verschwanden die Bilder des Elends aus dem Bewusstsein.
08. November 2008, 01:00
Andreas fagetti

1972 beklagte die Schweiz ihren ersten Drogentoten. Bereits während der Jugendunruhen Anfang der Achtzigerjahre entwickelten sich Ansätze offener Drogenszenen in Autonomen Jugendzentren. Ab 1987 trat in Schweizer Städten das Ausmass des Drogenelends offen zutage – und das ausgerechnet in einem der reichsten Länder der Welt. Auf dem Sorgenbarometer der Schweizer stand das Thema ganz oben. In St. Gallen gilt gemeinhin die Hecht-Besetzung als Beginn dieser Zeitrechnung.

Überforderte Politik

Die Politik war zunächst überfordert. Sie setzte allein auf hochschwellige Hilfsangebote und Repression – jeder Süchtige sollte drogenfrei werden, und wer dazu nicht bereit oder nicht in der Lage war, wurde polizeilich verfolgt. Das hehre Ziel scheiterte ausserdem an der mangelnden Solidarität vieler Landgemeinden, die zu oft nicht bereit waren, für teure Therapie ihrer Suchtkranken zu bezahlen. Viele schoben sie einfach ab in die Städte. In St. Gallen waren es Leute von der «Drogenfront», welche die Ursachen des Elends rascher erfassten und pragmatisch vorgingen. So organisierte die Gassenarbeit Bauwagen: In einem konnten Süchtige sich ihre Spritzen stressfrei setzen, im anderen war die Gassenküche untergebracht, die laufend ihren Standort wechseln musste, weil eine Standortbewilligung fehlte, wie sich Andreas Frank erinnert. Er war damals Gassenarbeiter und sieht auch heute keinen besseren Weg, als den des Viersäulenprinzips.

Das Viersäulenprinzip

1990 wurde die Stiftung «Hilfe für Drogenabhängige» (heute Stiftung Suchthilfe) gegründet. Träger waren Stadt, Kanton, die beiden städtischen Kirchgemeinden und die Pro Juventute St. Gallen. Als erstes stellte die Stiftung im «Bienehüsli» am Unteren Graben ein Betreuungsangebot auf die Beine: Ein kleines Team versorgte die Drogenabhängigen mit sauberen Spritzen, pflegte Wunden und gab Essen aus. Es etablierte sich faktisch ein Fixerraum ohne rechtliche Grundlage. Es resultierten auch negative Begleiterscheinungen: Gewalt und Drogenhandel, Berge von Abfällen und Fäkalien, Beschaffungskriminalität und das Hin und Her zwischen Ordnungskräften, Dealern und Süchtigen. Der Stadtrat beantragte im Stadtparlament einen Kredit, um den Fixerraum und die Tagesstruktur auf solide Beine zu stellen. Dagegen wurde das Referendum ergriffen. Die Bevölkerung lehnte eine Weiterführung des «Bienehüslis» ab. Fortan traf sich die Szene unter dem Waaghaus und im Stadtpark. Die Folge: ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Süchtigen. Die herumliegenden Spritzen, die Präsenz des Drogenelends mitten in der Stadt und die Angst vor Aids riefen Unmut hervor. Schliesslich wies die Stadt der Szene auf dem Schellenacker ein Platz zu.

Endstation Schellenacker

Lukas A., 42, hat die Drogenhölle aus der Perspektive eines Süchtigen erlebt. «Der Schellenacker war dreckig und versifft. Die Leute spritzten sich das Zeug direkt in Abszesse.» Manche seien, das Wägelchen mit dem Infusionsbeutel vor sich herschiebend, direkt aus dem Spital wieder auf den Schellenacker zurückgekehrt. Am ärmsten dran waren die «Filterlifixer», die gebrauchte Filter auskochten für einen Schuss. Schliesslich wurde die offene Drogenszene aufgelöst – lange vor Zürich. Im Gegenzug baute man auf das heute etablierte Viersäulenprinzip. Das Angebot unter dem Dach der Suchthilfe wurde ausgebaut und von der Bürgerschaft bis heute mitgetragen. Das hat zu einer enormen Beruhigung geführt. Die meisten Politiker und Praktiker sind sich heute einig: Sollte man diesen Weg verlassen, kehren die alten Zeiten zurück. Davon ist nicht nur Lukas A. überzeugt. Dasselbe sagt sinngemäss auch der damals verantwortliche Stadtrat Peter Schorer.


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