Sie sind dann mal weg: Weshalb viele Junge dem Kanton St.Gallen den Rücken kehren

ABWANDERUNG ⋅ Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Viele junge Erwachsene ziehen aus dem Kanton St.Gallen weg. Ein Grund sind die eingeschränkten Studienmöglichkeiten.
16. September 2017, 13:08
Regula Weik, Christoph Zweili

Regula Weik, Christoph Zweili

ostschweiz

@tagblatt.ch

Der Kanton St.Gallen ist für junge Erwachsene reizlos; sie kehren ihm den Rücken. Es sind nicht wenige. An der Spitze stehen die 20- bis 29-Jährigen; über 4100 haben vergangenes Jahr den Kanton verlassen. Gefolgt von den 30- bis 39-Jährigen; da waren es gut 2800 (Ausgabe vom 11. September). Wer geht? Mehr Frauen oder mehr Männer? Welche Kantone sind attraktiv für sie? Zürich, Genf, Aargau? Weshalb ziehen sie weg? Bessere Ausbildungsmöglichkeiten, tollere Jobaussichten oder schlicht ein allgemeiner St.Galler Ver- und Überdruss?

Die Kantonale Fachstelle für Statistik, welche die Wanderungsbewegungen verfolgt und auswertet, findet die Fragen wohl spannend; ihre Beantwortung würde aber eine mehrtägige Recherche notwendig machen. Die Anfrage beim Bund zeigt: Es ziehen mehr Frauen als Männer weg. Am wanderungsfreudigsten sind die 25- bis 29-Jährigen. Und die meisten St.Gallerinnen und St.Galler «verschluckt» Zürich (siehe Zweittext).

Focus zu sehr auf Betriebswirtschaft

Einer, der sich seit Jahren mit der Abwanderung Junger aus der Ostschweiz beschäftigt, ist Kurt Weigelt. «Die Frage des Braindrains steht bei uns seit Jahren ganz oben auf der Traktandenliste», sagt der Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell (IHK). Wo ortet er die wesentlichen Gründe für den Wegzug junger Menschen aus dem Kanton? «Beim eingeschränkten Studienangebot an unserer Universität und unseren Fachhochschulen.» Dies ist laut Weigelt der Hauptgrund. «Auf der Achse Rorschach–St.Gallen–Wil stellen wir im Bereich der technischen Ausbildung kaum Studienangebote bereit; sie sind für unseren Werkplatz aber entscheidend.» Ausnahme sei das Studienzentrum St.Gallen des NTB Buchs. «Wir fokussieren an der Universität und der Fachhochschule St.Gallen auf betriebswirtschaftliche Disziplinen.» Junge Erwachsene, die ein Informatik- oder Ingenieurstudium auf Unistufe anstreben, müssten die Ostschweiz verlassen – und sie kämen oft nicht mehr zurück.

Die IHK habe sich mit verschiedenen Initiativen dafür eingesetzt, die Hochschulbildung in der Ostschweiz «in der Breite zu verstärken», sagt Weigelt. Er erinnert an die Forderungen einer ETH Science City Wil oder die Machbarkeitsstudie für einen Studienschwerpunkt angewandte Informatik an der Universität St.Gallen. Mit Blick auf die kantonale IT-Bildungsoffensive stellt er denn auch fest: «Die Botschaft ist inzwischen in der Politik angekommen.»

Angebote und Arbeitsmarkt klaffen auseinander

Auch bei den heutigen Angeboten der Fachhochschulen im Kanton macht Weigelt Mängel aus: Die Ausbildungsangebote stimmten nur ungenügend mit dem regionalen Arbeitsmarkt überein. «Wir bilden nicht dort aus, wo regional die grösste Nachfrage ist.» So verfüge die HRS Rapperswil über eine hervorragende Informatikausbildung; die Ostschweizer IT-Branche konzentriere sich jedoch auf die Region St.Gallen-Bodensee. Seine Forderung: Die HSR Rapperswil soll quasi einen zweiten Informatik-Standort in St.Gallen eröffnen.

Wer nach Gründen für den Wegzug junger Menschen sucht, landet rasch beim immer gleichen Punkt: den Ausbildungsmöglichkeiten an Universitäten oder Fachhochschulen. Doch: Wie entscheiden sich junge Frauen und Männer, die eine Berufslehre absolvieren oder absolviert haben? Kehren sie ebenso häufig dem Kanton den Rücken? «Bei der dualen Berufsbildung stellt sich das Problem nicht in vergleichbarer Art und Weise», beobachtet Weigelt. Denn da gebe es in der Ostschweiz nicht nur attraktive Arbeitsplätze, sondern auch die entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten. «Um Polymechaniker zu werden, muss man nicht nach Zürich auswandern.» Hinzu kommt laut Weigelt: Absolventinnen und Absolventen einer Berufslehre zeichneten sich vielfach durch eine stärkere regionale Verbundenheit aus; die frühe Integration in den Arbeitsmarkt vor Ort stärke die Teilnahme an regionalen Aktivitäten. «Das kann sich verändern, wenn nach der Berufslehre ein Studium angestrebt wird.»


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