Das Produkt einer verbotenen Liebe: In Ecuador gibt es ein «St.Gallen Haus»

QUITO ⋅ Inmitten der ecuadorianischen Hauptstadt steht ein Stück Ostschweiz: Das «St.Gallen Haus» beherbergt junge Menschen aus aller Welt. Das Studentenwohnheim ist das Produkt einer verbotenen Liebe.
19. November 2017, 09:45
Michèle Kalberer
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Vor sieben Jahren eröffnete ­Sebastian Bracho-Irigoyen das «St.Gallen Haus», eine Art Studentenwohnheim im Herzen von Quito. «Die meisten bleiben drei bis vier Monate in St.Gallen», sagt Sebastian und meint damit nicht die Gallusstadt. An die erinnert er sich noch gut, obwohl sein letzter Besuch schon über zehn Jahre her ist. «St.Gallen ist wohlbehütet und übersichtlich. Es ist ein Ort, an dem ich mich ­geborgen fühlte», sagt er.

Genauso soll es seinen Gästen ergehen, die bei ihm inmitten der ecuadorianischen Hauptstadt ein sicheres und familiäres ­Zuhause finden. Dieses befindet sich im nördlichen Stadtteil «El Batan Alto», in dessen Nähe das Finanzzentrum und Einkaufsmöglichkeiten angesiedelt sind. Letztlich war es aber nicht die Liebe zu St.Gallen, die dem Gasthaus seinen «exotischen» Namen verlieh, sondern die Liebe zu einer St.Gallerin.

«Als Latino musste ich die Liebe wählen»

Sebastian Bracho-Irigoyen lernte seine ehemalige Geschäftspartnerin und damalige Freundin an der Universität Equatorialis in Quito kennen. Ihre Liebe stellte das Paar nicht nur vor Sprachhürden. Sie war Studentin, er Marketingdirektor der Uni. «Romanzen zwischen Mitarbeitenden und Studierenden sind verboten», erklärt der mittlerweile 39-Jährige. Sein damaliger Arbeitgeber stellte ihn deshalb vor die Wahl: Job oder Liebe? Der gebürtige Ecuadorianer ist nach wie vor überzeugt: «Als Latino musste ich die Liebe wählen.» Nach seiner ­Kündigung hatten er und seine damalige Freundin die Idee zum «St.Gallen Haus». Vier Monate lang erarbeiteten sie ein Konzept, im Mai 2010 empfingen sie die ersten Gäste.
 

Seinen Ostschweizer Namen bekam das Gasthaus auch mit der Absicht, es im Ausland besser vermarkten und die Kontakte der Freundin in die Schweiz nutzen zu können. Mittlerweilen ist die Liebe passé, die St. Gallerin in die Heimat zurückgekehrt und Sebastian der alleinige Geschäftsführer des «St.Gallen Haus». Für eine Beziehung bleibe keine Zeit, sagt Sebastian. «Wer im Tourismus arbeitet, muss immer wieder loslassen.»

Manchmal werden Gäste verkuppelt

Das «St.Gallen Haus» ist profitabel, die Geschäftsidee simpel: In Quito wohnen derzeit etwas mehr als zweieinhalb Millionen Menschen, gut ein Drittel davon ist unter dreissig Jahre alt. Mit neun Universitäten und zahlreichen Privatschulen gilt Quito als Studentenstadt. Studentenwohnungen sind Mangelware in ­Quito und damit eine lukrative Nische für Sebastian Bracho-­Irigoyen. Heute beschäftigt der Gasthausbesitzer gut ein Dutzend Mitarbeiter, betreibt neben dem «St.Gallen Haus» ein Restaurant, eine Bar und eine eigene Brauerei. Ausserdem hat er Partnerschaften mit Gasthäusern in Kolumbien und Kuba geschlossen und sich ein Netzwerk zu Universitäten und Reisebüros in Ecuador, den USA und Europa aufgebaut. Neben seinem Kerngeschäft bietet Bracho-Irigoyen ein Freiwilligenprogramm an, das Kinder in Not unterstützt. Und ab und zu spielt er auch den Amor: «Letzten Monat war ich an einer Hochzeit von Gästen, die ich verkuppelt habe.» Eine Partnerbörse komme allerdings nicht in Frage, sagt er und lacht. Derzeit versucht er, ein Angebot für Back­packer aufzubauen.

Ein Stück Heimat in der Ferne

Seit der Währungskrise um die Jahrtausendwende hat sich das vergleichsweise kleine Ecuador einigermassen erholt, seine Exporte angetrieben und den ­Tourismus angekurbelt. «Immer mehr Menschen entdecken Quito», sagt Sebastian Bracho-Irigoyen. Unter seinen Besuchern sind auch zahlreiche Schweizer. Sie schätzten das Stück Heimat in der Ferne, sagt er. «Und sie sind neugierig, was unsere Verbindung zu St.Gallen ist.» Diese sei heute zwar nur noch eine Erinnerung an eine verflossene Liebe, sagt der Ecuadorianer, aber: «Mit St.Gallen werde ich mich für ­immer verbunden fühlen.»


Leserkommentare

Anzeige: