Deutsch für Flüchtlinge: St.Galler Quartierschulen sind gestartet

KANTON ST.GALLEN ⋅ «Quartierschulen» für Flüchtlinge sind in einigen St.Galler Gemeinden gestartet. In den zweiwöchigen Intensivkursen bringen Freiwillige den Migranten Deutsch-Grundkenntnisse bei. Das Konzept wird von den Verantwortlichen gelobt. Es gibt aber auch Kritik, weil Gelder gekürzt wurden.
25. August 2017, 19:17
Michael Nyffenegger/sda

Hinter dem Projekt stehen der Verband der St.Galler Gemeindepräsidenten (VSGP) und der Trägerverein Integrationsprojekte (TISG). Laut Konzeptleiter Roger Hochreutener, Gemeindepräsident von Eggersriet, dürften bis Ende Jahr in mindestens 30 der 77 St.Galler Gemeinden Quartierschulen in Betrieb sein.

Nach einem Pilotkurs in Widnau haben mittlerweile etwa Sennwald, Kaltbrunn, Gommiswald, Seewelen, Rorschacherberg, Wil und Gossau solche Intensivkurse für Flüchtlinge durchgeführt, wie Hochreutener auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte. In Buchs, Tübach und Eggersriet beginnen Quartierschulen dieser Tage. Rapperswil-Jona und Wattwil sollen bald folgen.
 

Bewährtes Konzept

Der VSGP stützt sich auf das Konzept «Neues Lernen» der Stiftung Liechtenstein Languages (LieLa), das sich laut den Verantwortlichen in Deutschland und Österreich bewährt hat. Im Mittelpunkt steht die Kommunikation im Alltag. In Zusammenarbeit mit LieLa wurden fünf Sprachtrainerinnen und -Trainer ausgebildet.

Diese bilden in den Gemeinden freiwillige Kursleiter aus, welche dann wiederum in den Quartierschulen mit den Flüchtlingen arbeiten. Die Freiwilligen erhalten während ihrer Ausbildung 100 Franken pro Kurstag, für maximal zehn Tage. LieLa stellt für den Unterricht einen Koffer mit Materialien und Anleitungen zur Verfügung.

Roher Hochreutener rechnet damit, dass bis Ende Jahr gut 150 Kursleiterinnen und Kursleiter ausgebildet werden. In den meisten Quartierschulen arbeiten zwei oder drei Freiwillige im Team. Die Rückmeldungen von den Beteiligten seien überwiegend sehr positiv, sagt der Konzeptleiter.

Damit die Flüchtlinge nach dem zweiwöchigen Intensivkurs weiter Deutsch lernen, sollen in den Gemeinden weitere Kurse angeboten werden. Ein Alphabetisierungskurs läuft laut Hochreutener bereits, und ein Folgekurs sei geplant.
 

5000 Franken pro Kurs

Der VSGP zahlt den Gemeinden pro Kurs 5000 Franken. Dafür steht im laufenden Jahr eine Million Franken zur Verfügung. Das Geld stammt aus den Pauschalen, die der Bund für die Integration der Flüchtlinge zur Verfügung stellt.

Nicht alle Gemeinden machen bei den Quartierschulen mit. Die Stadt St. Gallen etwa setzt auf bereits vorhandene Strukturen: So bietet die Integra-Schule des Solidaritätsnetzwerks Ostschweiz seit sechs Jahren kostenlose Deutschkurse für Flüchtlinge an. Den Unterricht erteilen etwa 60 Freiwillige. Daneben bietet die Aida-Schule Kurse für Frauen an.

Laut Hochreutener erhält die Stadt im laufenden Jahr 110'000 Franken aus dem VSGP-Topf für die Sprachförderung. Davon gehen 50'000 Franken an das Integra-Konzept. Wieviel die Integra effektiv als Subvention erhält, muss die Schule mit der Stadt aushandeln.
 

Kritik: Gelder gekürzt

In einer Interpellation im St.Galler Stadtparlament gab es im vergangenen Mai Kritik am neuen Finanzierungsmodell. Die bisherigen persönlichen Kursvergünstigungen würden gekürzt, so dass Deutschlernende seit Mitte Jahr zum Teil mehr an ihre Kurse zahlen müssten.

Laut dem St. Galler Stadtrat bietet der Systemwechsel «Vorteile für Gemeinden, die bis anhin eher wenig für Migrantinnen und Migranten getan haben». Für Zentrumsgemeinden wie St. Gallen, die schon früh in die Integrations- und Sprachförderung investiert hätten, sei der Wechsel hingegen nachteilig, heisst es in der Antwort des Stadtrats.

Im Kantonsrat kritisierte die SP den einseitigen Ausstieg des VSGP aus der früheren Vereinbarung, nachdem die Gesamtkosten der Sprachförderung 2016 auf über zwei Millionen Franken gestiegen seien. Jetzt gebe es einen «markanten Leistungsabbau». Statt 300 oder 500 Lektionen würden nur noch 120 Lektionen vergünstigt. Dies genüge nicht, um das verlangte Sprachniveau A2 zu erreichen.


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