Suchtberater: "Totale Abstinenz ist eine Utopie"

HEROINABGABE ⋅ Vor 25 Jahren hat sich der Bundesrat für die versuchsweise Heroinabgabe an Schwerstsüchtige ausgesprochen. Für Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe St.Gallen, war dies eine weise Entscheidung. Die Politik dürfe sich aber nicht auf dieser Errungenschaft ausruhen, sondern müsse sich auch bei anderen Drogen der Zeit anpassen.
13. Mai 2017, 08:33
Tim Naef
Jürg Niggli, vor 25 Jahren hat der Bundesrat eine weltweite Vorreiterrolle mit der Heroinabgabe an Schwerstsüchtige eingenommen. Wie lässt sich dieser Entscheid heute beurteilen?
Es war ohne Wenn und Aber eine weise und gute Entscheidung. Zum einen hat der Staat damit den Betroffenen zu mehr Lebensqualität verholfen, zum anderen wurden der öffentliche Raum und die Gesellschaft entlastet. Zuvor waren die Behörden meist hilflos. Mit der Massnahme ist die offene Drogenszene, so beispielsweise am Unteren Graben mit dem Bienenhüsli, komplett verwunden.

Kritiker sagen hingegen, dass mit der Heroinabgabe lediglich Symptome behandelt werden.
Solche Behauptungen entsprechen nicht der Realität. Es werden keine Symptome bekämpft, sondern echte Probleme gelöst.

Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe St.Gallen. Zoom

Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe St.Gallen.

Die wären?
Für die Allgemeinheit konnten Kosten gesenkt werden. Die illegale Drogenszene wurde eingeschränkt und das Gesundheitssystem entlastet. Zudem ging die Infektionsrate für HIV und Hepatitis stark zurück. Doch all das ist eigentlich gar nicht die entscheidende Frage. 

Sondern?
Die Frage ist die Zielsetzung der Politik. Will man den Betroffenen helfen, oder will man die totale Abstinenz? Zweiteres ist schlicht eine Utopie. 

Dennoch gibt es doch sicher noch Verbesserungspotential in der aktuellen Heroin-Politik. 
Man kann sicher sagen, dass das Grundkonstrukt der Heroinabgabe stimmt. Es hat klare Strukturen und ist in sich schlüssig. Wichtig ist aber, dass die Politik mit der Zeit geht und sich neuen Herausforderungen anpasst.

Vor genau 25 Jahren fällte der Bundesrat einen mutigen Entscheid: Als erstes Land der Welt erlaubte die Schweiz eine staatliche Heroinabgabe. Was hat die kontrollierte Heroinabgabe gebracht? Welche Bilanz ziehen der Drogenabhängige Harry und sein Betreuer Thilo Beck vom Zürcher Suchtzentrum Arud? (Detlev Munz)

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Frage stellt sich, ob in Zukunft auch in Pflegeheimen eine geordnete Heroinabgabe möglich gemacht werden muss. Dies ist zurzeit noch nicht möglich. Es wird aber immer mehr Schwerstabhängige in solchen Einrichtungen geben. 

Man kann aber sagen, dass die Schweizer Drogenpolitik auf dem richtigen Weg ist.
Was das Heroin angeht ja. Bei anderen Drogen ist eher das Gegenteil der Fall.

Zum Beispiel?
Ich rede vom Cannabis. Beim Heroin hat die Schweiz eine Vorreiterrolle eingenommen, beim Cannabis hat sie das Thema komplett verschlafen. 
 
Inwiefern?
Die Schweizer Politik hat es verpasst, die sogenannte Droge Cannabis zu entmystifizieren und vor allem auch zu entideologisieren. 

Wie meinen Sie das?
Wenn über Cannabis gesprochen wird, ist das parteipolitische Gezeter gross. Es geht meist nur um Politik und nicht um eine wirkliche Lösungsfindung. Und vor allem wird Cannabis nicht als das gesehen, was es wirklich ist.

Und was ist es wirklich?
Cannabis ist ein Suchtmittel mit Genusseigenschaften, welches zudem einen medizinischen Nutzen hat. Gleichzeitig ist es ein Mittel, um Steuergelder zu generieren. In anderen Ländern nimmt der Staat damit Millionen ein. Sie sehen, auch volkswirtschaftlich ist die aktuelle Situation völliger Unsinn. Wichtig ist ein ausreichender Jugendschutz. 

Aber auch bei Erwachsenen kann es zu Suchtverhalten führen.
Das stimmt natürlich. Dann ist es aber wieder eine Frage des Masses. Womit wir wieder bei einem Vergleich mit Alkohol wären. 
 

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