Wort Gottes, nicht «Wohlfühlkirche»

Der Zürcher Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter fordert die Kirchen zur Rückkehr zum biblischen «Grundwortschatz» auf. Denn: Wer die Zeitgeist-Sprache rede, werde «Ideologie-anfällig».
04. November 2008, 01:00
daniel klingenberg

st. gallen. Sind die Kirchen in einem Formtief? Und falls dem so ist: Kann sie aus eigener Kraft etwas dagegen tun? Beide Fragen beantwortete Niklaus Peter, Fraumünster-Pfarrer in Zürich und Karl-Barth-Kenner, am Sonntag in St. Laurenzen bei der Reformationsfeier mit ja. Allerdings nicht mit pauschaler Zustimmung, sondern in vielschichtigen Zugängen, die Theologiegeschichtliches mit Aktuellem verbanden.

«Deformation» zur Homestory

Niklaus Peter, der als Reformationsfeier-Redner nach St. Gallen eingeladen war, sieht das Christentum weltweit keineswegs in der Defensive. In Asien, Afrika und Amerika ist es vital und teilweise schnellwachsend. Auch in der modernen westeuropäischen Gesellschaft ist man «religiös offen». Aber hier führe die Loslösung von den Kirchen und die Individualisierung zu einer «ausgefransten, konturlosen, sozial unstrukturierten Religion». Oder zu einem «religiösen Analphabetismus».

Dass dem so ist, liegt gemäss dem Fraumünster-Pfarrer auch an den Kirchen und ihrem Personal. Wer nämlich ein «Wohlfühlchristentum» verkünde, das von nichts Tiefgreifenderem als der eigenen Erfahrung und seinen Gefühlen spreche, habe den Wortschatz der Bibel mit ihrem radikalen (sozialen) Kern aufgegeben.

Beleg einer solchen «Homestory-Kirche» ist für Peter zum Beispiel eine Reportage über Weihnachtsgottesdienste in einer deutschen Zeitung. Mit harmlosen, kindlichen, fast schon blasphemischen «Wohlfühlsätzen» würden Pfarrpersonen Weihnachten als eine Art «Börsengewinn» betrachten, heisst es darin.

Niklaus Peter begründete seine Diagnose mit einem Stück Theologiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das er brillant und packend vortrug. Mit der Grundaussage: Wird der Skandal, dass der Versöhner und Friedensbringer hingerichtet wird, im Zeitgeist «weichgespült» und sentimentalisiert, verliert die Kirche ihre Kraft. Zudem wird sie anfällig gegenüber Ideologien, wie ihre Geschichte im 2. Weltkrieg zeigt.

Es braucht Spracharbeit

Gerne hätte man mehr gewusst darüber, wie eine Rückkehr zum «biblischen Grundwortschatz» aussehen könnte. Immerhin: Ein Teil solcher theologischer Arbeit war in St. Laurenzen zu hören.


Leserkommentare

Anzeige: