"Total daneben"

GEMEINDEPRÄSIDENTEN-LÖHNE ⋅ Die Löhne der St.Galler Gemeindepräsidenten geben zu hitzigen Diskussionen Anlass. Die Bezüge seien an der oberen Grenze oder zu hoch, finden Passanten. Insbesondere Wartaus Gemeindepräsident kommt schlecht weg.
24. Februar 2017, 15:44
Daniel Walt
"Es gibt sicher Gemeindepräsidenten, die ihr Geld wert sind. Bei gewissen von ihnen fragt man sich aber schon, wie sie zu einem solchen Lohn gekommen sind." Das sagt der 54-jährige Markus Bärlocher über die Bezüge der St.Galler Gemeindepräsidenten, die am Donnerstag publik geworden sind. Für ein 100-Prozent-Pensum reicht die Bandbreite von rund 132'000 Franken jährlich bis zu rund 262'000 Franken.

Markus Bärlocher (54) Zoom

Markus Bärlocher (54)

"Kein Vergleich mit Scheich von Katar"
Spitzenverdiener unter den Gemeindepräsidenten ist mit 262'964 Franken pro Jahr Thomas Scheitlin, Stadtpräsident von Markus Bärlochers Wohnort St.Gallen. Dieser Lohn sei an der oberen Grenze, findet der Passant. Er relativiert aber sogleich: Scheitlin stehe einer Stadt von über 75'000 Einwohnerinnen und Einwohnern vor – "und gegen den Reichtum des Scheichs von Katar ist Scheitlins Einkommen nichts", schmunzelt er. Insgesamt empfindet er die Löhne der St.Galler Gemeindepräsidenten als relativ hoch – als Beispiel nennt er Beat Tinner, der für sein 80-Prozent-Pensum in Wartau 177'922 Franken erhält. "Dazu kommen ja auch noch Spesen", sagt Bärlocher.

Es sei normal, dass manche Bürger angesichts dieser Zahlen einen gewissen Neid empfänden, sagt Markus Bärlocher. Man müsse sich aber immer fragen, ob man mit einem Gemeindepräsidenten tauschen und derart im Schaufenster stehen wolle wie sie. Hätte Bärlocher einen Zahltag wie Thomas Scheitlin, würde er sich vermutlich ein teureres Auto gönnen, eine Reise nach Grönland oder Island unternehmen – und soziale Institutionen mit seiner Arbeitskraft sowie Geld unterstützen.

Thomas Mettler (69) Zoom

Thomas Mettler (69)

"Unmögliche Geheimnistuerei"
Der 69-jährige St.Galler Thomas Mettler war lange Zeit Präsident des St.Galler Kreisgerichts. "Ich hatte ein Einkommen, das nicht ganz so hoch war wie jene der Gemeindepräsidenten. Ich war aber recht bezahlt", sagt er. Mettler findet, dass es von den Aufgaben und der Belastung her einen Unterschied macht, ob jemand eine grosse Stadt präsidiert oder ob er einer Landgemeinde vorsteht. "Der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin ist sicherlich viel stärker belastet als ein Kollege auf dem Land", sagt er. Zudem habe Scheitlin studiert und sei erfahren. Von daher empfindet Mettler dessen Jahreslohn als angemessen – "auch wenn man ihn mit Regierungsrats- und Richterlöhnen vergleicht". Kein Verständnis hat er für die Bezüge von Beat Tinner, Gemeindepräsident der 5000-Seelen-Gemeinde Wartau: "Das ist total daneben und im Vergleich klar zu viel", sagt er zu dessen Jahreslohn, der auf ein 100-Prozent-Pensum gerechnet über 222'000 Franken beträgt.

Generell findet es Thomas Mettler richtig, dass nun Transparenz bei den Bezügen der Gemeindepräsidenten herrscht. "Diese ganze Geheimnistuerei um die Löhne in der Schweiz ist unmöglich", findet er. Thomas Mettler befürwortet es, dass Löhne und die Kriterien, nach denen die Bezüge festgelegt werden, offen deklariert werden.

  • Ruedi Mattle (parteilos), Altstätten, 100%-Pensum, 100%-Lohn = 192'500 Franken.
  • Markus Vogt (BDP), Amden, 100%-Pensum, 100%-Lohn =132'498 Franken.
  • Toni Thoma (SVP), Andwil, 80%-Pensum, 100%-Lohn = 150'239 Franken.

Spitzenverdiener der Stadt- und Gemeindepräsidenten ist Thomas Scheitlin von der Stadt St.Gallen. Am wenigsten verdienen die Gemeindepräsidenten von Untereggen und Amden.

"Nur ein einziges Monatsgehalt
"Mir egal, was die verdienen – Hauptsache, ich bekomme Ende Monat, was mir zusteht" oder "Schon in Ordnung. Die müssen an jede Hundsverlochete": Auch solche Echos kommen von Passanten in Bezug auf die Löhne der St.Galler Gemeindepräsidenten. Ein Schlag ins Gesicht sind die Zahlen hingegen für die 60-jährige St.Gallerin Miriam Scalco. "Ich habe eine kleine Rente und sehr wenig zum Leben", hält sie fest. Sie empfindet die Löhne der Gemeindepräsidenten als sehr hoch. "Ich würde mir wünschen, dass ich nur ein einziges Monatsgehalt von denen bekommen würde. Ich würde auch deren Arbeit machen und dabei mein Bestes geben", sagt sie. Was würde sie mit all dem Geld denn machen? Scalco muss nicht lange überlegen: "Mir anständige Kleider und Schuhe kaufen. Und einmal auswärts essen gehen – das kann ich mir nämlich nicht leisten."

Miriam Scalco hat nach eigenem Bekunden nichts dagegen, wenn jene, die viel arbeiten, auch gut verdienen. Den Lohn von St.Gallens Stadtpräsident Thomas Scheitlin empfindet sie aber als zu hoch. 15-Stunden-Tage und öffentliche Kritik rechtfertigen für sie die Höhe der Gemeindepräsidenten-Bezüge nicht: "Dass ein solcher Job auch Schattenseiten hat, ist bekannt. Dann müssen sich die entsprechenden Leute halt nicht zur Verfügung stellen und sich nachher darüber beklagen."

Daniel Frei (46) Zoom

Daniel Frei (46)

"Was soll diese Geheimniskrämerei?"
Daniel Frei aus St.Gallen kommt als Verkäufer auf ein Jahreseinkommen von rund 70'000 Franken. "Der Jahreslohn von Thomas Scheitlin nimmt sich im Vergleich dazu hoch aus. Aber er hat auch eine andere Verantwortung als ich", sagt Frei. Wenn die Gemeindepräsidenten ihre Arbeit gut machten, seien ihre Bezüge wohl angemessen, zumal man als CEO eines Unternehmens deutlich mehr verdienen könne.

Dass einige Gemeindepräsidenten die Angaben zu ihrem Lohn trotz des Öffentlichkeitsgesetzes verweigert haben, versteht Daniel Frei nicht: "Was soll diese Geheimniskrämerei? Da fragt man sich doch automatisch, was die zu verbergen haben." Der 46-Jährige befürwortet es deshalb, dass die meisten Löhne nun publik gemacht worden sind. Und fügt auf die Frage, was er mit dem Zahltag eines Gemeindepräsidenten machen würde, an: "Mehr reisen. Und weniger arbeiten…"

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