Papst von St. Gallens Gnaden

ST. GALLEN. Papst Benedikt XVI. soll nicht freiwillig zurückgetreten, sondern gestürzt worden sein. Dabei sei sein Sturz in St. Gallen geplant worden. Eine entsprechende Verschwörungstheorie stützt sich auf die Biographie eines belgischen Kardinals.
30. September 2015, 06:58
RICHARD CLAVADETSCHER

Die Geschichte ist interessant – und brisant: Im Zusammenhang mit einer jüngst erschienenen Biographie über den belgischen Kardinal Godfried Danneels ist dessen Mitgliedschaft in einem angeblichen innerkirchlichen «Geheimzirkel» in den Medien thematisiert worden. Dieser Geheimzirkel, bestehend aus Kardinälen und Bischöfen, habe jeweils in St. Gallen getagt, weshalb er den Namen «St. Gallen-Gruppe» hatte. Kirchenintern sei er auch «die Mafia» genannt worden.

Ferngesteuert gestürzt

Die St. Gallen-Gruppe nun soll zum Ziel gehabt haben, den Einfluss des konservativen Papstes Benedikt XVI., mit bürgerlichem Namen Josef Ratzinger, nicht nur zu mildern, sondern diesen Stellvertreter Christi gar zu stürzen, was am Ende dann auch gelungen sei: Papst Benedikt, so wird insinuiert, sei im Februar 2013 nämlich nicht aus freien Stücken zurückgetreten, sondern gestürzt worden – ferngesteuert aus St. Gallen gestürzt worden.

Mittelpunkt der Welt

Nicht nur das, die St. Galler Gruppe habe auch auf Mitglieder des Papstwahlgremiums Einfluss genommen und so die Wahl des «Reformpapsts» Franziskus, vorher Kardinal Jorge Mario Bergoglio, durchgesetzt.

Diese Geschichte nun ist nicht nur interessant und brisant, sie ist auch wunderschön: Die Ostschweiz rückt plötzlich in den Mittelpunkt – nein, nicht lediglich der Schweiz, sondern gleich des Weltkatholizismus. Was will man mehr!?

So muss es – immer aus Ostschweizer Sicht – traurig stimmen, dass sowohl der gegenwärtige wie auch der frühere Bischof von St. Gallen an dieser Verschwörungstheorie so gar kein gutes Haar lassen wollen.

Der frühere St. Galler Bischof Ivo Fürer etwa lässt ausrichten, es hätten sich in St. Gallen zwischen 1996 und 2006 zwar tatsächlich kirchliche Würdenträger regelmässig getroffen, allerdings lediglich als «privater Freundeskreis».

Martini und Fürer

Angeregt hätten diese Treffen der mittlerweile verstorbene Kardinal Carlo Maria Martini und er selbst, so Ivo Fürer. (Dass Martini und Fürer sich schätzten und befreundet waren, ist seit Jahrzehnten bekannt.)

Dieser «private Freundeskreis» habe sich an seinen jährlichen privaten Treffen in St. Gallen «selbstverständlich» auch über die Situation der Kirche unterhalten, so Fürer weiter. Angesichts des sich stetig verschlechternden Gesundheitszustandes von Papst Johannes Paul II. sei dabei auch zur Sprache gekommen, «welche Qualitäten ein neuer Papst denn mitbringen» sollte.

Bergoglios Qualitäten

Der im Frühjahr 2013 gewählte Papst Franziskus nun scheint die damals in St. Gallen diskutierten «Qualitäten» zu verkörpern, weshalb Ivo Fürer aus seiner «Freude an der Wahl des Argentiniers auch nie ein Geheimnis» machte, wie er mitteilen lässt. Das gilt wohl auch für andere Mitglieder des Freundeskreises, von denen möglicherweise das eine oder andere bei den Papstwahlen Stimmberechtigte sich 2005 und 2013 von den Gesprächen in St. Gallen inspirieren liess. Denn das ist ebenfalls kein Geheimnis: Auch wenn Ratzinger schliesslich gewählt wurde, vereinigte Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus, schon bei der Papstwahl im Jahre 2005 etliche Stimmen auf sich.

Dass die St. Galler Gruppe aber etwas zu tun habe mit dem Rücktritt von Papst Benedikt, verneint Ivo Fürer: Nach 2006 habe es gar keine Freundeskreistreffen mehr gegeben; Papst Benedikt aber sei bekanntlich erst 2013 zurückgetreten.

Bischof Markus nie dabei

Bischof Markus Büchel wiederum sagt, er sei gar nie Mitglied dieses bis 2006, dem Jahr seines Amtsantritts, existierenden Zirkels gewesen und habe als damaliger Bischofsvikar lediglich «am Rande Kenntnis von diesen freundschaftlichen Treffen» gehabt.

St. Gallen als heimlicher Mittelpunkt des Weltkatholizismus? Aufgrund der Fakten, wie sie die beiden Bischöfe präsentieren, gilt: Das dann doch nicht.


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