Kreativschule statt Militär im Zeughaus?

ST.GALLEN ⋅ Die St. Galler Regierung entscheidet demnächst über die Varianten zur Sanierung und Erweiterung des Gewerblichen Berufsschulzentrums (GBS) im Riethüsli. Dabei steht auch die Idee einer gebündelten Schule für Gestaltung im St. Galler Zeughaus zur Diskussion.
01. April 2016, 06:57
MARCEL ELSENER

St.GALLEN. Die Schule für Gestaltung statt im GBS Riethüsli und an anderen Standorten in der Stadt St.Gallen konzentriert im Zeughaus an der Kreuzbleiche? Die Idee wurde Ende 2013 publik, als ein Podium in der Lokremise nach der Zukunft der gestalterischen Ausbildung in der Ostschweiz fragte – mit Sorgenfalten, weil damals nach einem politischen Streit um die Vorkursgebühren gerade der Abteilungsleiter Thomas Gerig entlassen worden war.

Die Vision einer gestärkten und eigenständigen Kreativschule wurde in Gestalterkreisen begeistert aufgenommen und fand auf dem vom Künstler Josef Felix Müller eingerichteten Blog «Laut denken: Freundeskreis Schule für Gestaltung» einen virtuellen Rückhalt; ein Netzwerk mit Namen aus der Kreativwirtschaft sollte einer alten Forderung neuen Schub geben.

Auslagerung kostengünstiger

Zwei Jahre lang war es ruhig, nun wird das Thema spruchreif: Grund ist der baldige Entscheid der Regierung über die Sanierung der über 40jährigen Riethüsli-Bauten des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums ab dem Jahr 2020. Um den Schulbetrieb während der langwierigen Bauarbeiten aufrechterhalten zu können, sind Ersatzräume nötig – in Containern oder geeigneten Gebäuden.

Hier kommt das Zeughaus ins Spiel: Eine Auslagerung der Ateliers, Werkstätten und weiteren Schulräume der gestalterischen Berufe wäre gemäss einer internen Projektskizze des Baudepartementes die praktischere und nachhaltig kostengünstigere Variante als ein Betrieb mit Containern. Durch die Bündelung der Schule für Gestaltung an einem Standort könnte das GBS einige extern gemietete Schulgebäude aufheben – ein weiterer Spareffekt. Ausserdem wären im Zeughaus für eine Kreativschule, die keine normierten, sondern freie Räume braucht, nur kleine bauliche Anpassungen nötig.

«Heisse Kartoffel» anpacken

Eine schöne Idee, aber eine verzwickte Sache, über die in der kantonalen Verwaltung niemand offiziell reden will. Das Thema sei eine «heisse Kartoffel» und habe «emotionale» Diskussionen ausgelöst, heisst es. Denn entscheidend für eine Prüfung des Vorhabens sind weniger die Bau- und die Finanzbehörden als vielmehr die Departemente auf Nutzerseite: Bildung einerseits, Sicherheit und Justiz andererseits. In beiden Direktionen ist man im sogenannten Mitberichtsverfahren nicht in Jubel ausgebrochen, um es vorsichtig zu formulieren.

Die Idee einer ausgelagerten Schule für Gestaltung sei «nie ein Kind des Bildungsdepartementes» gewesen, meint dessen Generalsekretär Jürg Raschle, ohne sich zur Option Zeughaus zu äussern. Immerhin deutet er an, dass man zu einer «homogenen Schulführung» mit Campus-Modell tendiere.

Auch von GBS-Rektor Lukas Reichle gibt es keine Antwort auf die Frage nach möglichen Vor- oder Nachteilen der Zeughaus-Variante. Nach dem «Fall Gerig» sind die Kompetenzen neu verteilt und die Zügel gestrafft worden. So lassen sich etwaige Befürworter der Idee nicht eruieren und bleibt einzig ein rektoraler Standardsatz: «Im Zusammenhang mit der Sanierung des GBS-Hauptgebäudes unterstützen wir sämtliche guten Lösungen, die unsere räumlichen und logistischen Herausforderungen optimal lösen.»

Im Sicherheitsdepartement ist man sich bewusst, dass der Rückzug des Militärs aus dem grossen Zeughaus nah am Stadtzentrum manche Begehrlichkeiten geweckt hat. Das 1899 als Teil der weiteren Militäranlagen an der Kreuzbleiche gebaute Gebäude wird nur noch beschränkt als Lagerhaus und Reparaturstätte benutzt; vielmehr dient es als Bürohaus für Kreiskommando und Zivilschutzstellen.

Ein Relikt der Militäranlagen

Doch wird sich das Militär etwa mit einer zusätzlichen Waffenkammer zur Revision von Sturmgewehren «wieder verbindlicher einnisten», wie Sicherheitschef Fredy Fässler sagt, der von einem baldigen Auszug nichts wissen will. Die Raumreserven seien nicht gewachsen, sondern wieder kleiner geworden. Alle Sentimentalitäten städtischer Altsoldaten in Ehren, fragen sich Befürworter einer Zeughausumnutzung allerdings, ob das Militär am Stadtrand nicht besser aufgehoben wäre. Tatsächlich tanken in St.Gallen Piranha-Radpanzer ihren Diesel weiterhin mitten in der Stadt. Eine Verlegung der Zeughausdienste in die Kaserne bei der Empa wurde geprüft, aber aus Platzgründen verworfen. Ob das geplante Sicherheitszentrum auf dem Armstrong-Areal in Winkeln eine Alternative sein könnte, lässt sich noch nicht sagen.

Die Vision einer Schule für Gestaltung im Zeughaus leuchtet vorläufig weiter. Mit guten Argumenten, wie Josef Felix Müller meint: «Es ist ein sehr schönes, leider unternutztes Gebäude mit Ausstrahlung, für eine Schule an einem Topstandort und gut umnutzbar.» St.Gallen müsse Boden gutmachen, betont Müller: «Wenn man sieht, wie Zürich mit dem Toniareal, Basel mit dem Dreispitz und dieses Jahr Luzern mit Viscosistadt in ihre Fachhochschulen für Kunst und Gestaltung investiert haben, muss sich St.Gallen etwas einfallen lassen. Sonst wird die Stadt definitiv abgehängt.»

Stadt verhalten, FHS interessiert

Was meint die Standortgemeinde zu einer Gestalterschule im Zeughaus? Man mische sich nicht in Angelegenheiten des Kantons, sagt Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Doch sei eine Kreativschule an der Kreuzbleiche als Ergänzung des dortigen «Stadtraums von Sport, Kultur und Bildung eine passende und prüfenswerte Option». Scheitlin nennt die Nutzung des Zeughauses durch eine kantonale Schule eine «vorstellbare Entwicklung», doch werde sich der Stadtrat in keiner Weise in den Prozess einschalten. «Weder die Schule noch die Liegenschaften sind in unserem Besitz oder Betrieb.»

Derweil interessiert sich anscheinend eine weitere kantonale Schule für das Zeughaus: Die FHS hat jüngst vorsondiert, ob sie dort ihre künftigen Architekturstudenten unterrichten könnte. Der Studiengang soll 2017 mit 25 Teilnehmenden beginnen und später auf 80 Studierende ausgebaut werden.

Gefragt ist nun zuerst die St.Galler Regierung: Sie prüft nächste Woche die Optionen für GBS-Schulräume. Zufälligerweise feiern ebenfalls nächste Woche die Militärbetriebe im Zeughaus ihr populärstes Angebot: den Army Liq Shop, der nach seiner Schliessung 2011 dort vor einem Jahr wieder eröffnet worden war. Die Schule für Gestaltung ihrerseits startet am 30. April ihre «Tage der Kreativität» mit einem Symposium – da wäre wohl ein spontaner Workshop zum «Gestaltungszentrum Zeughaus» angebracht.


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