Zu Gast

Wirtschaftsboss mischt sich unter lokales Gewerbe

08. September 2017, 06:44
Nina Rudnicki

«Haben Sie denn jetzt zum Schluss noch einen Tipp für Gossau?», wollte Stefan Lenherr, Präsident vom Organisationskomitee der Gewerbeausstellung G17, von Heinz Karrer wissen. Der Economiesuisse-Präsident war gestern als Gastredner am tra­ditionellen Business Lunch der G17 eingeladen. «Organisieren sie weiterhin solche genialen Veranstaltungen wie die G17. Da können Sie sich direkt mit Politikern an einen Tisch setzen und diskutieren. Je lokaler, desto einfacher findet man Lösungen. Nutzen Sie das intensiv», sagte Karrer.

Er gab sich während seines Referates publikumsnah, baute Anekdoten zu Gossau ein, wie etwa aus seiner Zeit als Handball-Nationalspieler. Rund 200 Trainingseinheiten habe er in Gossau verbracht. Auch betonte der gebürtige Winterthurer die Stärke der Region St. Gallen, die bekannt sei für ihre Vernetzung von Bildung, Wirtschaft und Innovation.

 

In seinem 45-minütigen Referat ging er hingegen nicht auf einzelne Regionen ein, sondern handelte national aktuelle Themen und Entwicklungen der Schweiz ab. Wo steht die Schweiz im in­ternationalen Vergleich? Wieso steht sie dort? Wie haben sich die Rahmenbedingungen verändert? Und welche Ziele, Visionen und Strategien braucht es für die Schweiz? Anhand dieser vier Fragen führte er die Standpunkte von Economiesuisse auf. Die Schweiz sei, gemessen an ihrer Grösse, bloss ein Vorort von Neu-Delhi, befinde sich, gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung, aber weltweit auf Platz 19, sagt Karrer, der erst vor einer Woche zusammen mit einer Delegation von Bundesrätin Doris Leuthard nach Indien gereist war.

Die Stärke der Schweiz sieht Karrer im freien Unternehmertum, im liberalen Gedankengut, im Zugang zu anderen Märkten und in der Vernetzung mit der ganzen Welt. Auch betonte er, wie wichtig das duale Bildungssystem für den Erfolg der Schweiz sei. «Länder mit dualen Bildungssystemen sind jene Länder mit der tiefsten Arbeitslosigkeit.»

 

Für die Schweiz entwarf er einen Fünfjahresplan und skizzierte aus Sicht von Economiesuisse die wichtigsten Massnahmen, um die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sowie die Vollbeschäftigung auch im Jahr 2022 erhalten zu können. Karrer nutzte die Bühne auch, um im Abstimmungskampf mitzumischen: Er warnte vor Konsequenzen bei einem Ja zur Reform der Altersvorsorge am 24. September. Zudem kritisierte er anstehende politische Initiativen wie die Selbstbestimmungs-Initiative, die Vollgeld-Initiative und die Konzern-Initiative und ganz allgemein «die zunehmende Regulierung in der Schweiz». Und er begrüsste, dass es bezüglich einer neuen Unternehmenssteuerreform vorwärtsgehen soll.

Damit sprach Karrer einen seiner jüngsten Rückschläge an: Das Nein zur Unternehmenssteuer­reform war für Economiesuisse zum Desaster geworden. Karrer wurde mangelnde Führungsstärke und ungenügender Einbezug der Parteien vorgeworfen. Es wurden Stimmen laut, die seinen Rücktritt forderten. Im August wurde Karrer dennoch für eine weitere Amtszeit bestätigt. Ak­tuell ist er in den Schlagzeilen, weil er die EU-Strategie des Bundesrates für «gescheitert» erklärt hat und Didier Burkhalters Nachfolger auffordert, in aussenpoli­tischen Fragen stärker auf die Wirtschaft zu hören.

Ausserdem hat Economiesuisse kürzlich eine neue Studie zur Digitalisierung der Schweiz präsentiert. Die Digitalisierung werde zunehmend zur treibenden Kraft für Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft. «Die Schweiz ist Innovationsweltmeisterin und kann als Gewinnerin aus der digitalen Transformation herausgehen», sagte Karrer in Gossau.

 

Nina Rudnicki

redaktiongo@tagblatt.ch

 


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