Weltmeister mit Bodenhaftung

SPORTLICH ⋅ Der Waldkircher Dario Bürge hat an der Seilzieh-Weltmeisterschaft Gold geholt. Der 17-Jährige will noch mehr erreichen. Fürs Erste steckt er sich aber kleinere Ziele.
02. November 2017, 05:19
Raphaela Roth

Raphaela Roth

raphaela.roth@tagblatt.ch

Die Goldmedaille liegt neben ein paar Krümeln vom letzten Znüni auf dem Tisch im Pausenraum. Die Medaille gehört dem Waldkircher Dario Bürge. Der angehende Elektroinstallateur wurde kürzlich zum Weltmeister im Seilziehen in der Kategorie U19 gekürt. Hinter seinem Erfolg steckt viel Fleiss: «Von Anfang Juni bis Ende September habe ich praktisch fürs Seilziehen gelebt», sagt der frischgebackene Weltmeister. Jeden Samstag verbrachte er acht Stunden in Stans beim Selektionstraining für die Nationalmannschaft. Einmal in der Woche besuchte er zusätzlich den Kraftraum, um «fit zu bleiben». Noch immer trainiert er drei Mal in der Woche mit dem Seilzieh-Club Waldkirch. Nebenbei arbeitet er und geht zur Schule. Das quittiert Dario Bürge mit einem Achselzucken: «Ich mache das für mein Leben gerne. Wenn es einem etwas bedeutet, dann nimmt man die wenige Freizeit in Kauf.»

Mannschaftsmitglieder als zweite Familie

Die Begeisterung fürs Seilziehen hat er wohl in die Wiege gelegt bekommen: «Mein Vater war schon im Seilzieh-Verein. Ich war bei seinen Turnieren immer dabei.» Mit elf Jahren trat er dann selbst in den Verein ein. «Meine besten Freunde ziehen von klein auf mit mir in einer Mannschaft», sagt Bürge. Damit sei die Vereinsmannschaft wie eine «vergrösserte Familie» für ihn. Der Gemeinschaftsgedanke sei neben der sportlichen Leistung das, was ihn am Seilziehen fasziniere. «Alleine geht gar nichts, jeder Einzelne in der Mannschaft ist wichtig», sagt er. Im wahrsten Sinne des Wortes müssen alle an einem Strick ziehen: «Wenn jemand nicht 100 Prozent gibt, merkt man das sofort. Dann müssen die anderen mehr leisten.» Das sei in der Nationalmannschaft jedoch nie der Fall gewesen: «Dort haben alle das gleiche Ziel vor Augen: Weltmeister werden.» Er hat es als Einziger aus seinem Verein in Waldkirch in die Nationalmannschaft geschafft. Aus 50 Athleten wurde er ausgewählt, um mit der achtköpfigen Nationalmannschaft ins britische Southport an die WM zu reisen. Doch kaum in England angekommen, plagten den Athleten Zweifel, ob er überhaupt mitmachen könne. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich erkältet. «Der Ärger war gross», sagt er. Beim offenen Turnier am Freitag liess er sich dann in der Finalrunde zum Wohl der Mannschaft auswechseln, um beim WM-Turnier am Sonntag das «Maximum herauszuholen». Frei nach seinem Motto: «Geht nicht, gibt’s nicht.»

Auf das Weltmeisterturnier folgte gleich ein weiteres besonderes Ereignis: Am vergangenen Wochenende fand im luzernischen Zell die Meisterfeier statt. Das war ein einmaliger Moment für ihn: «Es war unglaublich, mit allen Athleten, die man früher bewunderte, plötzlich auf Augenhöhe zu sein.» Jetzt sähen seine beiden kleineren Brüder, die auch seilziehen, zu ihm hoch. Die Anerkennung der Vereinsmitglieder und seines Lehrbetriebs bedeutet ihm viel: «In der Firma haben sie sogar ein Foto von mir mit der Medaille aufgehängt.»

Autoprüfung als nächstes Etappenziel

Trotz Weltmeistertitel bleibt Dario Bürge sich selbst treu und verliert die Bodenhaftung nicht. Sportlich strebt der Waldkircher weitere Erfolge an: «Möglicherweise kann ich in der nächsten Saison sogar in der U23-Nationalmannschaft teilnehmen, das ist aber sehr optimistisch.» Vorerst werde er wie gewohnt weiter im Verein trainieren und versuchen, seine Leistungen noch zu steigern. Beruflich steckt sich der bald 18-Jährige vernünftige Ziele: «Als Nächstes werde ich im Sommer 2019 die Lehre als Elektroinstallateur abschliessen.» Sonst hegt der Waldkircher wohl die gleichen Wünsche wie jeder Jugendliche in seinem Alter: «Ich möchte möglichst bald meine Autoprüfung machen», sagt er verschmitzt.

 


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