Wasser giessen wird zum Politikum

GOSSAU ⋅ Täglich die Grabpflanzen zu giessen, ist gerade an Hitzetagen ganz schön anstrengend. Darum wünschen sich auf dem Friedhof Hofegg manche Gläubige eine Sprinkleranlage. Manche, aber längst nicht alle.
05. August 2017, 05:18
Sebastian Schneider

Sebastian Schneider

sebastian.schneider@tagblatt.ch

An Tagen wie in dieser Woche genügt ein Spaziergang, um ins Schwitzen zu geraten. Und bei Temperaturen von über 30 Grad im Schatten kann allein der Besuch auf dem Friedhof streng werden. Vor allem für jene Gläubigen, die das Grab eines lieben Verwandten oder des verstorbenen Ehepartners eigenhändig pflegen. Im Hochsommer brauchen die Blumen mehr Wasser als sonst, volle Giesskannen müssen entsprechend öfter zum Grab getragen werden. «Einfach zu streng», finden manche. Aber nicht alle. Und so führt die Bewässerung des Grabschmucks gerade an Hitzetagen zu Diskussionen.

Beim Tiefbauamt der Stadt Gossau fragen immer wieder Leute, ob es nicht möglich wäre, die Bewässerung der Gräber durch die Behörden sicherzustellen. Hans-Peter Roters, Leiter des Tiefbauamts, spricht von mehreren Anfragen jährlich. Dabei spiele das Alter nicht einmal eine Rolle: «Anfragen kommen von Jung und Alt.» In Hitzeperioden können sich Anfragen häufen. Betroffene wünschen sich eine Sprinkleranlage, die die Bewässerung der Pflanzen automatisch erledigt.

Sprinkleranlage würde wohl übers Ziel hinausschiessen

Vor Ort konfrontiert mit diesem Thema, reagiert der Mitarbeiter des Tiefbauamts, der für den Unterhalt des Friedhofs Hofegg zuständig ist, mit vielen Gesten und sagt schliesslich: «Das ist ein ganz heikles Thema.» Von jenen Friedhofbesuchern, die ihr Grab selber unterhalten, wollten sich die meisten auch selber ums Giessen kümmern. «Unsere Sprinkleranlagen decken eine Fläche von bis zu 80 Quadratmetern ab», sagt der Mitarbeiter. Da müssten sich also viele Grabbesitzer einig sein, die Pflanzen automatisch giessen zu lassen. Hinzu kämen mögliche Schäden an den Grabsteinen. Durch das Bespritzen mit einer Anlage könnten sich zum Beispiel Kalkrückstände auf Kupferoberflächen bilden.

Am heissen Donnerstagnachmittag sind auch einige Friedhofsbesucher anzutreffen. Darunter sind zwar keine feurigen Verfechter einer Sprinkleranlage, doch hält es immerhin eine Frau für eine gute Idee, die Bewässerung durch die öffentliche Hand zu organisieren. «Gerade für Leute, die einen weiten Weg auf sich nehmen müssen, wäre das hilfreich», sagt sie. Eine andere Frau, die seit vielen Jahren das Grab ihrer Mutter pflegt, stellt sich gegen die Idee: «Bei einer Abstimmung würde ich Nein sagen.» Schliesslich dürfe man eine gewisse Eigenverantwortung von den Leuten noch erwarten. Oder Solidarität: «Wenn ich Bedarf sehe, giesse ich auch beim Nachbarn.» Ein Pärchen aus Wil sieht es auch nicht so eng mit dem Giessen. Es stünden ja hinreichend Giesskannen zur Verfügung, Wasserhähne gebe es überall auf dem Friedhof verteilt. Ihnen bereiteten mehr gefrässige Rossschnecken nach starken Regenfällen Sorgen.

Hilfe stünde zur Verfügung

Hans-Peter Rothers vom Tiefbauamt betont auf Anfrage, dass jeder die Möglichkeit habe, das Grab von externen Gärtnern unterhalten zu lassen. Interessierte können direkt auf einen Gärtner zugehen. Auch die Stadt bietet Grabunterhaltsverträge an.

Diese können beim Bestattungsamt abgeschlossen werden. Für die Liegedauer von 20 Jahren zahlt man laut Rothers 5500 Franken für ein Urnengrab und 7000 Franken für ein Reihengrab. Ein Vertrag könne jederzeit auch nachträglich unterzeichnet werden. Um die Stiefmütterchen im Winter und die Dipladenia im Sommer kümmere sich dann ein Gärtner, der von der Stadt für den Unterhalt beauftragt wird.

Und zudem: Wer sein Grab an heissen Tagen während einer trockenen Phase mit einer Sprinkleranlage bewässern will, könne das auch mit einem mobilen Gartensprinkler mit Schlauch tun, sagt Roters. Ein solcher stehe dafür zur Verfügung. Der Mitarbeiter auf dem Friedhof weist auf die Kabelbinder hin: «Sehen Sie? Die Anlage wurde noch nie benutzt.»


Leserkommentare

Anzeige: