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Tagblatt Online, 04. Juli 2012 01:36:00

Ein kühles Bad zum Schluss

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Violent Uka wird «getauft» und danach in den Brunnen geworfen. (Bild: Daniela Walter)

Unter den Buchdruckern ist es Brauch, Lehrabgänger mit dem Gautschen in die Gilde aufzunehmen. So geschehen am Montagnachmittag in Gossau.

DANIELA WALTER

GOSSAU. Pünktlich um 16.30 Uhr fährt beim Park neben der Andreaskirche in Gossau ein weisser Kastenwagen vor. Die beiden Lehrabgänger Romina Holzmann (Polygraphin) und Violent Uka (Drucktechnologe) der Cavelti AG, Druck und Media, steigen aus dem Auto. An den Händen gefesselt, werden sie zum Dorfbrunnen geführt. «Ich will nicht zuerst», ruft Romina Holzmann. Doch ihre Bitte wird nicht erhört. Drei Mitarbeiter hieven sie auf den Brunnenrand. Familienangehörige, Freunde, Arbeitskollegen und Schaulustige lachen und klatschen. Während der Gautschmeister hoch oben auf dem Brunnen steht und seine Rede verliest, packen die Gehilfen kräftig zu: Ein Eimer kaltes Wasser über den Kopf, und dann wird die in die Gilde aufzunehmende Jüngerin – immer noch gefesselt – schwungvoll in den Brunnen geworfen.

Alles Zappeln nützt nichts

Kaum ist Romina Holzmann aus dem Brunnen gestiegen, hat Violent Ukas Stündchen geschlagen. Auch er – an Händen und Füssen gefesselt – wird auf den Brunnenrand gesetzt. Alles Strampeln und Zappeln nützt nichts: Violent Uka landet im kühlen Nass. Mit den beiden ist das Gautschen aber noch nicht zu Ende. Plötzlich wird eine dritte Person gepackt. Mit Händen und Füssen wehrt sich die Frau, doch auch sie landet im Brunnen. Sie sei eine neue Mitarbeiterin der Cavelti AG, die bis jetzt «noch nie gegautscht wurde», erklärt ein Anwesender. Und zum Schluss wird auch noch der neue Mitarbeiter, ebenfalls noch nie gegautscht, in den Brunnen geworfen.

Von den Sünden befreien

Das Gautschen ist ein traditioneller Brauch der Buchdruckerbranche, der bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Er wird heute noch zelebriert, um die Lehrlinge von den «Sünden der Lehrzeit» zu befreien und sie als Berufsgenossen in die Gilde aufzunehmen.

Und auch das Fesseln hat seinen Grund: Schliesslich sollen nur diejenigen nass werden, die das Ritual gezwungenermassen über sich ergehen lassen müssen, und nicht die Zuschauer.




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