Tagblatt Online, 31. Dezember 2010 01:05:00
Der Strahlemann geht
Voller Stolz posiert der Kenianer Simon Learaman mit «seinem» Müllfahrzeug. Seine Arbeit erfüllt ihn wie vieles im Leben mit Zufriedenheit. (Bild: Bild: Urs Bucher)
Als Simon Learaman 1996 in die Schweiz kam, konnte er weder lesen noch schreiben. Heute arbeitet er als Müllmann, spricht Deutsch und Englisch - und baute ein eigenes Hilfswerk auf. Seine Rückkehr nach Kenia fällt nicht nur ihm schwer.
Gossau. «Mach's guät.» Die Serviertochter im Café Koller winkt hinter dem Tresen. Simon Learaman zieht seine schwarz-weisse Mütze über die Ohren, schlüpft in die orange Jacke und strahlt. Es ist eines jener Lachen, das sich bis zu den Augen zieht und auf der rechten Wange des Kenianers ein Grübchen hinterlässt. Dabei hatte er dieses Jahr nicht immer Grund zum Lachen. Soll ich in der Schweiz bleiben oder die Aufenthaltsbewilligung aufgeben und zurück nach Afrika gehen? Der Entscheid ist ihm schwergefallen, dauerte fast ein Jahr. Am 7. Januar wird er heimfliegen. Um seinen Landsleuten ein besseres Leben zu ermöglichen.
Mit 20 erstmals in der Stadt
Simon Learamans eigene Geschichte ist eine, wie sie nur das Leben schreiben kann. 1973 ist der Massai in der Region Barsaloi im Norden Kenias geboren - wo Corinne Hofmann einige Jahre als «Weisse Massai» verbrachte. Dort lebte er im Busch, hat nie eine Schule besucht. Erst mit 20 Jahren, nach einem brütend heissen Sommer, in dem seine Familie alle Kühe und Ziegen verloren hatte, kam Simon zum ersten Mal in die Stadt. Nach Nairobi. «Es war alles so faszinierend. Die Läden, die Hotels, die Strassen.» Auch an sein erstes Essen im Restaurant erinnert er sich. «Ich habe mit den Händen alles vom Teller genommen und es auf dem Tisch ausgebreitet», sagt er und lacht.
Wo ein Wille, ist eine Lösung
In traditionellen Samburu-Kleidern verkaufte Simon, der damals noch seinen Kriegernamen Toopia trug, Handgemachtes aus seiner Provinz. Und kam dabei mit Touristen aus aller Welt in Kontakt. Auch mit einer Schweizerin, der er 1996 nach Gossau folgte. Die Beziehung ist seit langem zu Ende, dankbar ist er der Frau aber immer noch. «Ich habe so viel lernen dürfen hier», sagt er, der zu Beginn nur die Sprache der Massai kannte. Heute spricht er fliessend Englisch und Deutsch. Verwendet Wörter wie «Vision», weiss mit dem Computer umzugehen, hat ein eigenes Hilfsprojekt auf die Beine gestellt, ist fasziniert vom Jassen und beschäftigt sich mit Umweltthemen. «Wenn man etwas will, gibt es immer eine Lösung», sagt er.
Dass er seit sechs Jahren bei der Eugen Lorenz AG arbeitet, ist denn auch kein Zufall. «Ich war von Anfang an fasziniert, wie sauber die Schweiz ist, und es war immer mein Wunsch, als Müllmann zu arbeiten.» Bei der Firma Lorenz lässt man ihn nur ungern ziehen. «Simon ist ein so toller Mann. Wir werden ihn vermissen», sagt der Chauffeur. Ebenso wird es Ursula Fäh gehen. Sie ist gut bekannt mit dem Kenianer. «Simon ist ein Sonnenschein und hat unsere Welt sehr belebt.»
Die Leute erwarten Geld
Kontakte zu Afrikanern aus anderen Staaten pflegt Simon Learaman keine. «Viele Afrikaner leben in der Schweiz so wie in Afrika. Sie wollen nichts lernen», sagt er. An seine Rückkehr denkt er darum mit gemischten Gefühlen. «Die Leute warten auf mich. Und sie erwarten Geld.» Aber der Kenianer geht mit nichts als einem Sackmesser und einigen Tafeln Schokolade retour. Sein Erspartes hat er all die Jahre ins Projekt «Hope for Samburus» gesteckt, das er 2006 mit Unterstützung von MBT-Gründer Karl Müller aufbaute. «Das Projekt ist jedes Jahr ein Stück vorwärts gekommen», freut sich der 37-Jährige. Damit dies weiterhin der Fall ist, und auch Schulen, Gesundheits- und Ausbildungszentren entstehen können, muss er die nächste Zeit vor Ort zum Rechten schauen - in einem politisch instabilen Land. Für einen Moment kommen die Zweifel, doch dann dringt der Buschmann wieder durch. «Ich muss am Projekt arbeiten. Punkt, fertig. Und die Angst geht weg.» Sagt's und verabschiedet sich mit seinem strahlenden Lachen.
Corinne Allenspach
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