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Tagblatt Online, 28. Januar 2012 01:08:00

Der Reiz der Fasnacht

Fasnachtsmädel in der Gastronomie Restaurant Hirschen Gossau Katharina Karis Zoom

Katharina Karis: Eine echte «Berliner Schnauze» mitten im kleinstädtischen Fasnachtsfieber. (Bild: Stefan Beusch)

GOSSAU. Von der Grossstadt Berlin ins vergleichsweise kleine Gossau: Die 26jährige Katharina Karis arbeitet während der «fünften Jahreszeit» im Restaurant Hirschen als Bardame. Ein Job mit Sonnen- und Schattenseiten.

MARION LOHER

Es dauert ein paar Sekunden, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Drinnen im Restaurant Hirschen. Die Fenster sind mit schwarzem Stoff abgedeckt und lassen keinen Schimmer Tageslicht herein. Einzige Lichtquellen sind ein paar Lampen an der Decke, die aber eher die Poster mit den leicht bekleideten Frauen an den Wänden beleuchten und weniger den Raum. Mittendrin steht eine grossgewachsene Frau mit langen blonden Haaren und wachen blauen Augen. Katharina Karis, 26 Jahre alt, aus Berlin. Während der Fasnacht arbeitet sie als Bardame im dekorierten «Hirschen».

Ein schwieriger Start

Es ist früher Nachmittag. Die wenigen Gäste an der Bar – ausschliesslich Männer – sind mit Getränken versorgt. Und Katharina Karis hat etwas Zeit. Sie setzt sich an den Tisch und schlägt ihre langen Beine, die in schwarzen Netzstrümpfen stecken, übereinander. Die junge Frau zeigt Haut, aber nicht zu viel. «Ich fühle mich wohl in diesem Outfit», sagt sie. «Es ist knapp, aber nicht zu sehr.» Und ein bisschen sexy sei schon in Ordnung. Trotzdem – in ihrer Freizeit würde sie sich nicht so kleiden. «Da trage ich lieber Jeans und T-Shirt.»

Die Fasnacht und ihre Traditionen hier in der Ostschweiz sind der gebürtigen Berlinerin nicht fremd. Vor sieben Jahren kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit der hiesigen «fünften Jahreszeit». Damals verschlug es sie aber nicht nach Gossau, sondern in eine andere Fasnachtshochburg. Nach Altstätten. Die erste Zeit sei schwierig gewesen, erzählt sie. «Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, da wir in Berlin einen Karneval dieser Art nicht kennen.» In der Hauptstadt Deutschlands gebe es keine dekorierten Restaurants, keine Guggenmusiken und auch keine Erwachsenen, die sich maskierten. Einzig die Kinder würden sich verkleiden. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten liess sich Katharina Karis allmählich vom närrischen Virus anstecken. Und in den darauffolgenden Jahren kehrte sie zur Fasnachtszeit immer wieder in die Ostschweiz zurück. Mal nach Eichberg, mal nach Appenzell und ein anderes Mal nach Frauenfeld. Dazwischen arbeitete sie daheim in Deutschland oder auf der Insel Mallorca. Immer als Servicekraft in einem Restaurant oder in einer Bar.

«Richtige Berliner Schnauze»

Es sei die ausgelassene, fröhliche Stimmung, die ihr an der Fasnacht gefalle. «Die Leute sind immer gut drauf.» Manchmal vielleicht fast zu gut? Die junge Frau lacht. «Kommt mir jemand zu nahe, weiss ich mich zu wehren», sagt sie und wechselt für einen Augenblick vom Hochdeutschen ins Berlinerische. «Da bin <ick ne richtige Berlinerin mit ner richtigen Berliner Schnauze>.» Und natürlich sei es auch das Geld, das die Arbeit in der Fasnachtszeit attraktiv mache. Wie viel sie verdient, will sie nicht sagen. Nur: «Es ist mehr, als ich in Deutschland oder Spanien bekomme. Aber dort ist das Leben auch nicht so teuer wie hier in der Schweiz.»

Keine Pläne für die Zukunft

Noch dreieinhalb Wochen dauert die Beizenfasnacht in Gossau. Und so lange wird Katharina Karis im «Hirschen» servieren. Was danach kommt, weiss sie nicht. Zurück nach Berlin will sie nicht. Zu hektisch sei ihr die Grossstadt. Die Schweiz möge sie sehr, vor allem wegen der Ruhe, aber «ich bin eine Reisende, und ich war schon oft schnell weg». Wie jetzt. Die Pflicht ruft. Die Gäste an der Bar wollen bedient werden. Der Job sei toll, ruft sie noch beim Weggehen zu. Nur das Tageslicht würde ihr manchmal fehlen. Und das kann man nun wirklich gut verstehen.





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