«Plötzlich bekam ich Flügel»

GOSSAU ⋅ Die Begeisterung fürs Laufen hat Werner Hirschi erst mit Mitte 30 entdeckt. Alles begann mit dem Gossauer Weihnachtslauf, an dem er jedes Mal teilnimmt. Dabei war sein erster Lauf «ein Debakel».
25. November 2017, 07:48
Angelina Donati

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@tagblatt.ch

Während andere nach der Arbeit das Fitnessstudio aufsuchen, sich aufs Velo schwingen oder die Laufschuhe schnüren, fand Werner Hirschi in seinen jungen Jahren andere Beschäftigungen. Als sportbegeistert konnte sich der gelernte Käser damals nicht bezeichnen. «Das änderte sich schlagartig, als mich ein Arbeitskollege fragte, ob ich auch am Gossauer Weihnachtslauf teilnehmen möchte.» Damals arbeitete Hirschi in der Butterzentrale im Gossauer Industriegebiet. Soeben wurde der heute weitherum bekannte Weihnachtslauf ins Leben gerufen. «Eine Vorbereitung hielt ich nicht für nötig», sagt der heute 65-Jährige und lacht: «Um meine Ausdauer zu testen, lief ich am Vortag einzig 500 Meter ein und dachte, dass ich den Lauf problemlos meistern werde.»

Welch ein Fehler das war, sollte der Waldkircher nach dem Grossanlass am eigenen Leib spüren. «Es war ein Debakel!» Zwar hielt der 35-Jährige die damalige Strecke von 6,18 Kilometern durch, erreichte die Ziellinie aber völlig erschöpft. Um mit den anderen Teilnehmern mithalten zu können, legte er gleich zu Beginn einen Spurt hin, für den er allerdings gegen Ende büssen musste. «Kurz vor dem Ziel überholten mich viele Läufer», erinnert er sich. Das sei nicht nur ärgerlich gewesen, sondern auch schlecht fürs Mentale. «Für mich war danach klar: Ich wollte nie mehr an einem Lauf teilnehmen.»

Es sollte ganz anders kommen. Nach dem vielfach gehörten Satz «Um einen Lauf zu ­bestreiten, muss erst trainiert ­werden» hat sich Hirschi dem Lauftreff in Uzwil und später dem LC Uzwil angeschlossen. Noch heute trainiert er bis zu viermal wöchentlich. Was folgte, waren zahlreiche Laufevents, die Hirschi zusammen mit den anderen Läufern in Angriff genommen hat. «Als ich mit 50 Jahren aufs Treppchen steigen durfte, bekam ich Flügel», erinnert er sich an die Rangverkündigung. Ob er nun auf einen erfolgreichen oder weniger gelungenen Lauf blickte, stand für ihn der Gedanke des Mitmachens stets im Vordergrund. Und dranzubleiben: Noch nie habe er eine Teilnahme vorzeitig abbrechen müssen. «Vieles ist Kopfsache», betont Hirschi. Bis zum 55. Lebensjahr konnte er seine Resultate kontinuierlich verbessern. Danach aber flachte die Leistung etwas ab, und vor ­allem seit er 60 Jahre alt sei, schwinde die Muskelkraft. «Den Berg hoch zu laufen, zerrt heute mehr an meinen Kräften als früher», sagt der dreifache Familienvater. Immerhin sei er von Verletzungen bislang verschont geblieben. So oder so sei die Freude am Laufen bis heute geblieben. «Es ist eine Sucht», sagt Hirschi. Am Laufen schätzt er, sich an der frischen Luft zu bewegen, und das befreiende, gute Gefühl danach. «Ausserdem ist man weniger krank.» Und auch der Höck mit den Laufkollegen nach dem Training gebe ihm viel.

Gossauer Lauf nur dreimal verpasst

Mittlerweile nimmt Werner Hirschi an etwa 15 Laufanlässen pro Jahr teil, darunter zwei bis drei Halbmarathons. Vor nicht einmal einer Woche bestritt er den Frauenfelder Marathon und wurde in seiner Kategorie Vierter. Als Swiss-Master-Running-Mitglied reist er ab und an auch quer durch Europa. Jedes Jahr aufs Neue lerne er so einen Lauf mit für ihn unbekannter Strecke kennen. «Nur vom Start und vom Zieleinlauf mache ich mir jeweils vorab ein Bild. Nicht, dass ich das Ziel verpasse», sagt er und lacht.

Als ein absolutes Muss bezeichnet der soeben Pensionierte den Gossauer Weihnachtslauf. Hirschis Rekord: Ein Kilometer in 3 Minuten und 30 Sekunden. Praktisch keine der 30 Durchführungen liess er ausfallen. Nur das eine Mal, als er Fieber hatte, und zwei weitere Male, als er einen Lauf im Welschland dem hiesigen vorzog. Die Strassenbeleuchtung und nicht zuletzt auch das Publikum machten den Anlass einmalig. «Als ein Lauf mit besonderem Flair wird auch gerne der Boston-Marathon bezeichnet», sagt Hirschi. «Irgendwann einmal möchte ich dort teilnehmen.» Wann genau, stehe noch in den Sternen: «Für Träume ist es ja aber nie zu spät.»

Gossauer Weihnachtslauf

Am Samstag, 2. Dezember

www.weihnachtslauf.ch


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