Der Auswärtige wird mit Zurückhaltung beäugt

STADTPRÄSIDIUM GOSSAU ⋅ Der Wahlkampf in Gossau nimmt Fahrt auf: Stadtpräsidentkandidat Wolfgang Giella lud zum öffentlichen Kennenlern-Apéro ein. Dieser Abend überraschte gleich in zweierlei Hinsicht.
02. Oktober 2017, 05:18
Angelina Donati

Angelina Donati

angelina.donati@tagblatt.ch

Alle Augen sind auf den einzigen der insgesamt vier Stadtpräsidentkandidaten gerichtet, der nicht aus Gossau kommt: der Churer Wolfgang Giella. In ihm sieht die überparteiliche Findungskommission, bestehend aus FDP, SVP, Flig und SP, den ­geeigneten Nachfolger von Alex Brühwiler. Vier von zehn Bewerbern hat das Komitee zum Gespräch vorgeladen – herausgestochen sei der 52-Jährige von Anfang an. Er wisse, worauf er sich mit der Wahl einlasse, betont der Kandidat. Demnach ist ihm wohl auch bewusst, dass ihn die Goss­auer als Auswärtigen besonders kritisch beäugen.

Dass es beim öffentlichen Kennenlern-Apéro im Restaurant Werk 1 in Gossau zu einem solch grossen Aufmarsch kommen würde – damit hat weder Giella noch die Findungsgruppe selbst gerechnet, wie sich später herausstellt. Über 150 Gossauerinnen und Gossauer drängten am vergangenen Freitagabend in den Saal – darunter auch Daniel Lehmann (CVP), Giellas grösster Konkurrent.

«Ich war einst Teppichhändler»: Die Erzählungen Giellas zu seinen früheren Tätigkeiten generiert das eine oder andere Kichern in den Publikumsreihen. Der Versuch Giellas, mit feinen Pointen die anfänglich fast schon angespannte Stimmung im Pu­blikum zu lockern, scheinen zu fruchten. Nicht nur seine beruflichen Erfolge, sondern auch Misserfolge kommen im Dialog mit Moderator Andrin Fröhlich zum Ausdruck. Er habe zudem nicht damit gerechnet, dass er nach seinem Gespräch mit den Mitgliedern der Findungsgruppe nochmals von ihnen hören würde, gibt der Stadtpräsidentkandidat offen zu. Offensichtlich hat er sich in seiner Empfindung getäuscht, war er ja sogar der Favorit. Auf die Frage Fröhlichs, welches seine erste Amtshandlung sein würde, sagt Giella: «Die Übernahme der Aufgaben. Und herausfinden, welche Geschäfte prioritär sind.» Ausserdem würde er gerne Bürgersprechstunden einführen. «Als möglicher Ort kämen durchaus Quartiere oder anderes in Frage. Eine solche Begegnung muss nicht unbedingt im Rathaus stattfinden.»

Wähler wollen nur «Nase in Luft strecken»

Bei seinen Antworten sind die Hände Giellas im Schoss zusammengefaltet, und er läuft auf dem Bühnenpodest langsam hin und her, den Blick oft gesenkt. Nicht aber aus Nervosität, wie er im Nachgang des Anlasses sagt, sondern «um nachzudenken.» Nicht gewollt war hingegen, dass er ständig im Scheinwerferlicht des Beamers stand und dadurch geblendet wurde. «Jetzt darf das Publikum Wolfgang Giella mit Fragen bedrängen», kündigt Andrin Fröhlich an. Und obwohl alles für zahlreiche und kritische Wortmeldungen sprach, blieben diese zum Erstaunen aller aus. Einige Anwesende vermuteten in dieser Zurückhaltung, dass die Wähler erst mal «die Nase in die Luft strecken wollten». Auch solle der Externe nicht gleich verheizt ­werden. Handle es sich hierbei schliesslich um ein erstes Kennenlernen.

Fragen gab es gerade mal eine Handvoll. So musste sich Giella etwa zum Thema Parteizugehörigkeit erklären. Das ehemalige Mitglied der SP Graubünden möchte sich offenlassen, welcher Gossauer Partei es dereinst beitreten wird. «Erst möchte ich die Personen kennen lernen.» Dass der Stadtpräsidentkandidat trotzdem jetzt schon die SVP ausschliessen könne, findet ein Votant widersprüchlich. Auch das Verkehrsproblem in Gossau wird angesprochen: Die Aussage, einen Lösungsvorschlag zu haben, will Giella am Medientermin vor einer Woche in dieser Form nicht gesagt haben. Vielmehr sieht er einen Ansatz, wie das Thema aus politischer Sicht angegangen und die Lösung somit beschleunigt werden könne. «Durch einen Ortsbildschutz ist die Dringlichkeit des Themas Verkehrslösung höher», sagt er.

Nach dem Dialog auf der Bühne sucht Giella den Kontakt zum Publikum in der Menge, um in kleineren Kreisen weiter zu fachsimpeln. Auch wenn die Meinungen im Publikum zu seinem Auftritt auseinandergehen, so hat sich Wolfgang Giella fürs Erste tapfer geschlagen, wie sich viele einig sind. Recht machen kann man es ohnehin nicht allen.


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