Mit dem Velo durch Amerika

TRAUMREISE ⋅ Andere fliegen nach New York zum Shoppen, Rolf und Andy Sager, um ihre grosse Velotour zu starten. Das Ziel: In acht Wochen nach San Francisco radeln. Die Hälfte ist bereits geschafft, mentale Tiefs inklusive.
16. Juni 2017, 14:35
Corinne Allenspach

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Ihr Velo hat sie schon an viele Orte begleitet. Von Waldkirch nach Prag, quer durch England oder durch Südfrankreich und die Pyrenäen bis ins spanische Saragossa. Während für andere Leute Sonne, Strand und Nichtstun der Inbegriff von Traumferien sind, ist es für die Waldkircher Sager-Brüder eine Velotour. Seit gut zehn Jahren pedalen sie immer wieder zusammen durch Europa. Rolf Sager, 35, Architekt und Andy Sager, 27, Präsident des FC Waldkirch-Bernhardzell, ehemaliger Sportjournalist beim «Tagblatt» und ab August Seklehrer in Wattwil.

Und schon lange war da dieser unbändige Wunsch: einmal mit dem Velo durch die USA. «Wir haben immer gesagt, wenn wir es einmal richtig wissen wollen, dann wäre das unser Traum», sagt Andy Sager. Seit gut einem Monat ist dieser Realität. Und seither wissen die beiden: Einen Traum zu leben, ist nicht immer nur traumhaft. Bisher haben sie viel Schönes erlebt, aber keinen Tag ohne spezielle Herausforderungen. Oft war es der starke Gegenwind, die Motivation, die im Keller war, zweimal ein Speichenbruch am Hinterrad, ein ­orkanartiges Gewitter oder leichte Knieprobleme. «Wir sind keine Spitzen- oder Extremsportler», schreiben die beiden in ihrem Reiseblog. «Aber wir kennen mentale Hochs und Tiefs von unseren früheren Velotouren.» Allerdings nicht in diesem Ausmass, wie sie es jetzt erlebten.

Platten, Müesliriegel und hilfsbereite Amerikaner

Kein Wunder, ist das Ziel der ­Brüder doch äusserst ambitiös: in acht Wochen von New York nach San Francisco. 5000 Kilometer in 51 Etappen, mit leichtem, sprich je rund 15 Kilogramm Gepäck. Vorbei an endlosen Feldern, durch Schluchten, Wälder, bergauf, bergab, durch kleinere und grössere Ortschaften. Das Fazit der Brüder nach rund 3500 Kilometern, 7 Platten, 2 Speichenbrüchen, 2 kaputten Reifen und 180 vertilgten Müesliriegeln: Die USA seien vielfältiger als gedacht, handkehrum auch langweilig und eintönig. Das Essen sei besser als sein Ruf, und die Amerikaner erleben sie als offenherzig und hilfsbereit. «Trotzdem sind wir immer wieder ein bisschen am Spötteln über sie», sagt Andy ­Sager am Telefon. Etwa wegen der übertrieben grossen «Ami­schlitten» oder wegen des verschwenderischen Lebensstils der Amerikaner.

Anderen Velofahrern begegneten die Ostschweizer bisher nur zweimal. Umso beeindruckter sind die Amerikaner von ihrem Vorhaben. «These guys are cycling coast to coast», bemerkte ein Velo­mech voller Bewunderung  – und reparierte ihre Räder kurzerhand gratis. Überhaupt der Kontakt mit den Leuten: Das seien Highlights, sind sich die Brüder einig. Aber auch die landschaftlichen Schönheiten. Aktuell durchqueren sie die Rocky Mountains, besonders gross ist die Vorfreude auf den Salzsee in Utah. «160 Kilo­meter über den getrockneten See. Wir sind gespannt, wie das wird.» In der Regel planen sie Tagesetappen um die 100 Kilometer. Für den Kopf sei diese Zahl wichtig. Alles, was unter 100 ­Kilometern sei, sei «schon fast ­locker».

Was die Brüder auch gelernt haben: Will man ein Ziel er­reichen, ist es immer ein Zu­sammenspiel von Körper (dazu zählen sie auch ihr Velo), klaren rationalen Überlegungen und emotionalen Gedanken. Gegen ein mentales Tief helfe oft Ab­lenkung. Den Fokus auf positive Dinge richten, die Landschaft, Musik, kleine, erreichbare Ziele. «Das grösste Problem ist, jeweils am Morgen die Motivation zum Aufsatteln zu finden», sagen sie.

Schildkröte will sich nicht helfen lassen

Diese haben sie bisher immer gefunden. Und immer wieder auch genug Zeit für Spontanes. Nachdem sie bereits viele tote Tiere am Strassenrand gesehen hatten, wollten sie einmal einer Schildkröte über eine vierspurige Strasse helfen. Nur, diese hat sich gewehrt und die Brüder mussten ihr Vorhaben wieder aufgeben. Über das Befinden der Schildkröte ist nichts bekannt. Wie es den Sager-Brüdern geht, hingegen schon. Auf ihrem Reiseblog lassen sie jedermann täglich an ihrem Abenteuer teilhaben. Auch wenn es dafür nach einem anstrengenden Tag teilweise noch mehr Motivation brauche als zum Aufsatteln, wie sie grinsend einräumen.

Reiseblog

sagersontour.wordpress.com


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