«Man muss neidisch auf Gossau sein»

WAHLEN ⋅ Flig-Parlamentarier Stefan Harder will diesen Herbst zum neuen Stadtrat gewählt werden. Der 55-Jährige spricht über fehlende Kultur, hohe Mietkosten, aber auch über die Attraktivität seiner Wahlheimat.
20. Oktober 2017, 06:39
Sebastian Schneider

Sebastian Schneider

sebastian.schneider

@tagblatt.ch

 

Stefan Harder, stehen Sie gerne im Mittelpunkt?

Ich dränge mich zwar nicht auf, aber irgendwie kommt es, dass ich durch meine Art und Erscheinung generell Aufmerksamkeit auf mich ziehe.

Dann hätten Sie keine Mühe, als Stadtrat im Schaufenster zu stehen?

Dieser Gedanke bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Es gehört nun einmal dazu, dass man als Stadtrat vor die Leute treten und seine Meinung überzeugend vertreten muss.

Und wie steht es mit Kritik, die gerade in Gossau zuweilen hart ausfallen kann?

Mit konstruktiver Kritik kann ich gut umgehen. Als Stadtparlamentarier habe ich solche Erfahrungen noch nicht gemacht, da sich die Kritik in der Regel ja an die Exekutive richtet.

Was ist Ihre grösste Motivation, Stadtrat zu werden?

Da gibt es zwei Dinge: Erstens werde ich bald 56 Jahre alt. Aus beruflicher Sicht ist der Zeitpunkt ideal, nochmals eine neue Herausforderung anzugehen. Zum zweiten bin ich überzeugt, dass ich für dieses Amt fähig bin, die nötige Erfahrung mitbringe, und ich habe Freude am politischen Betrieb.

Was macht Sie denn so fähig?

Sicherlich meine Ausbildung, meine Führungserfahrung in der Privatwirtschaft und die politische Erfahrung unter anderem als Parteipräsident, Fraktionspräsident, Parlamentspräsident und die Arbeit in verschiedenen parlamentarischen Kommissionen. Ich bin jetzt reif für den Schritt in die Exekutive.

Gibt es noch weitere Gründe, weshalb Gossauerinnen und Gossauer Sie wählen sollten?

Abgesehen von der Erfahrung und Kompetenz ist meine Parteizugehörigkeit sicherlich ein Vorteil. Bei der Flig können wir unabhängig politisieren und müssen auch nicht auf Parolen von Mutterparteien hören.

Dafür kann man Sie politisch nicht einordnen.

Die Flig kann man in Gossau sehr gut einordnen. Unsere Kern­themen sind Bildung, Energie, Freizeit und Ökologie. Ich habe natürlich auch eine Meinung zu nationalen Themen. Geht es um kantonale oder eidgenössische Abstimmungen und Wahlen, stehe ich auf der Seite der CVP oder FDP.

Dann wollen Sie Mittewähler für sich gewinnen?

Die Ausgangslage ist nicht so schlecht: Linke Stimmen gehen an Monika Gähwiler, rechte an Claudia Martin. Demnach ist es logisch, dass ich mir Stimmen aus der Mitte erhoffe.

Sprechen wir über Gossau, in dem Sie seit 1994 leben. Wohnen Sie in einer Stadt oder in einem Dorf?

Selber spreche ich häufig vom Dorf, wie das viele Bewohnerinnen und Bewohner tun. Politisch sind wir als Stadt organisiert, was ich absolut richtig finde.

Gossau ist auch hinsichtlich Kunst und Kultur ein Dorf. Wünschen Sie sich manchmal nicht ein bisschen mehr davon?

Also ein Kino etwa braucht Gossau nicht. Kleinkünstlern hingegen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Werke zu zeigen, finde ich gut und wichtig. Räume, wie etwa die Alte Kaserne in Herisau oder die Kapelle im Friedberg, braucht es mehr, und sie müssen gefördert werden. Auch wenn es etwas kostet. Schliesslich gibt es nicht nur Sportbegeisterte in Gossau.

Was ist Ihr grösster Wunsch für Gossau?

Ich will, dass man als Gossauer stolz darauf ist, hier zu leben. Und dass wir Gossauer von anderen dafür beneidet werden.

Das klingt anspruchsvoll. Viele reduzieren Gossau auf eine konservative Agglogemeinde, die im Verkehr versinkt. Was möchten Sie für Ihre Vision tun?

Eine Agglogemeinde zu sein, muss nicht schlecht sein. Wir müssen mehr aufzeigen, dass es sich lohnt, hier zu wohnen.

Sie stehen hinter dem Masterplan Sportanlagen. Wie soll man das bezahlen?

Die Abstimmung über das Hallenbad hat gezeigt: Die Bürger wollen neue Anlagen. Es sollte aber allen klar sein, dass es dafür Geld braucht. Man muss auch bereit sein, einer allfälligen Steuererhöhung zuzustimmen.

Die SP beklagt, es gebe kaum günstigen Wohnraum. Wie stehen Sie dazu?

Teure Wohnungen und hohe ­Bodenpreise zeigen, dass Gossau attraktiv ist. Die Aussagen der SP muss man relativieren: Viele Weggezogene haben Wohneigentum gesucht und wurden woanders fündig. Die Möglichkeiten der Stadt zur Förderung eines günstigen Wohnraums sind stark beschränkt. Boden im Baurecht abzugeben, finde ich aber grundsätzlich eine gute Idee.

Zwei Stichworte genügen: St. Gallerstrasse und Stau.

Eine Milderung des Problems sehe ich mit der Verkehrsführung von Herisau nach Gossau West. Grundsätzlich aber müssen wir lernen, den Verkehr zu akzeptieren. In vielen Dörfern ist er ja noch um einiges schlimmer.

Sie treten gegen zwei Frauen im Wahlkampf an. Wählte man Sie nicht, hätte Gossau eine Frauenmehrheit.

Ob Mann oder Frau, diese Frage ist für mich persönlich nicht relevant. Aufgrund der Ausgangslage kann ich aber sagen: Für einmal ist es kein Nachteil, als Mann anzutreten.

Zur Person

Stefan Harder ist als ehemaliger Spieler leidenschaftlicher Handball-Fan. 1989 kam er von seinem Geburtsort Hinwil im Zürcher Oberland in die Ostschweiz, um in St. Gallen die Ausbildung zum ­Betriebsökonomen anzutreten. Zuerst wohnte Harder mit seiner Familie im Westen der Stadt St.Gallen und zügelte nach einem Zwischenhalt in Hauptwil 1994 nach Gossau. Der Vater zweier erwachsener Kinder arbeitet als Personalleiter bei der Micarna SA Bazenheid. (ses)

 


Leserkommentare

Anzeige: