Jassen als Generationen-Kitt

GOSSAU ⋅ Von 9 bis 90 Jahren – beim Generationen-Jassturnier waren vergangenen Samstag alle Altersklassen vertreten. Das Turnier bewies, dass Jassen Generationen verbinden kann. Solange nicht nur Gewinnen zählt.
30. Oktober 2017, 07:12
Timo Schorno
«Mein Enkel jasst besser als ich im selben Alter», sagt Hedi Zehnder, während sie die Karten mischt. Die 82-Jährige gibt den Stapel nach links zum Ablupfen weiter. «Aber nur, weil er von mir lernen kann.» Schräg gegenüber sitzt ihr 22-jähriger Enkel Severin Pfeffer aus St. Gallen. Das Zweierteam bestreitet die erste Runde am Generationen-Jassturnier der Migros Ostschweiz. Mit am Tisch sitzt das gegnerische Team: die 33-jährige Monika Brändle mit Tochter Ramona aus Ganterschwil. «Rose ist Trumpf», sagt die 14-Jährige und spielt als Jüngste am Tisch die erste Karte aus. Dann herrscht Stille: «Jassen und plaudern, das geht nicht gleichzeitig», sind sich alle am Tisch einig.

Rund 100 Teilnehmer haben vergangenen Samstag die Kantine der Migros-Betriebszentrale gefüllt. Es ist das vierte Generationen-Jassturnier in Folge. Dabei treten Zweierteams mit einem Altersunterschied von mindestens 15 Jahren gegeneinander an. Das Turnier ist Teil des Projekts «Generationen-Jass», das von Migros-Kulturprozent getragen wird. In diesem bringen Senioren an Schulen den Kindern ehrenamtlich das Jassen bei.
 

Schieber ist ein Teamsport

Einer von ihnen ist der 68-jährige Chläus Ullmann, der beim Turnier als Punktrichter amtet. Warum eignet sich Jassen dazu, Generationen zu verbinden? «Jassen kann jeder, ob alt oder jung, mit oder ohne körperliche Einschränkungen. Das perfekte Spiel für Grosseltern und Enkel.» Gespielt wird ausschliesslich Schieber, eine Variante, bei der die Partner zusammen möglichst viele Punkte machen müssen. «Dank diesem Teamwork wird auch das Verständnis zwischen Generationen gefördert», sagt Ullmann. Offenbar mit Erfolg: Da sitzen graue Köpfe neben kleinen Knöpfen – und trotzdem läuft das Turnier so routiniert ab, als wäre es ein Preisjassen mit lauter Könnern. Trotz der vielen jungen Teilnehmer geht der Lautstärkepegel nie über ein gemütliches Raunen hinaus. Erst nach dem Punktezählen wird besprochen, was man hätte besser machen können – oder was nicht. «Da hätte ich halt gleich das Nell spielen müssen. Dann hätten wir noch mehr Punkte gemacht», sagt ein ergrauter Mann zu seiner jungen Jasskollegin. «Ja, aber ich hatte sowieso keine guten Handkarten», beschwichtigt sie ihn.
 

Enkelin holt Punkte im Alleingang

Unterdessen sind Hedi Zehnder und Severin Pfeffer gegen Monika und Ramona Brändle in Rückstand geraten. «Wir sind ja nicht hier zum Preisjassen», meint Hedi Zehnder. «Sondern zum Lernen», ergänzt ihr Enkel. Nach acht Spielen geht der Rundensieg an Monika und Ramona. «Künstlerpech», sagt Hedi Zehnder und gratuliert den Gegnerinnen zum Spiel. Die nächsten Gegner sind Hansruedi Zwingli und Selina Buechegger aus Freidorf TG. Der 73-Jährige und seine 12-jährige Enkelin jassen gemäss eigener Aussage «nur ab und zu mal» zusammen. Trotzdem sind sie ein eingespieltes Team. Sie haben Hedi und Severin beim letztjährigen Turnier geschlagen. «Diesmal gleichen wir aus», verspricht Severin beim Kartenausteilen. Tatsächlich läuft es anfangs noch gut für das Zweierteam, und Severin heimst viel Lob von seiner Grossmutter ein. «Nur im Kopfrechnen bin ich noch schneller als Severin», sagt Hedi Zehnder. Doch dann macht Selina die Punkte quasi im Alleingang – ihr Grossvater spielt ihr nur die Karten zu. «Eigentlich lustig, dass wir gewonnen haben», sagt Selina. «Sonst jassen wir ja nur Coiffeur mit Grosspapi.» Severin und Hedi nehmen die Niederlage sportlich. «Wir müssen ja nicht jedes Mal gewinnen.» Darum soll es bei diesem Turnier auch gar nicht gehen. Sondern um die gemeinsame Freude am Spiel, wie Projektleiterin Natalie Brägger betont. «Dieses Ziel haben wir heute erreicht.» Dafür sprechen auch die Zahlen. Jedes Jahr kämen über 100 Teilnehmer, sagt sie. Der Rekord liegt bei 140.
Bei der Siegerehrung werden die Teams mit den meisten Punkten mit einem Gutschein belohnt. Hedi und Severin sind dieses Jahr nicht dabei. Dafür haben sie sich die offerierte Crèmeschnitte und einen Kaffee verdient. Und sie nehmen sich vor, künftig noch öfter zusammen zu jassen. 

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