In der Schweiz wäre er einsam

WALDKIRCH ⋅ Der Waldkircher Bertram Wick ist Bischof in Ecuador. Dort hat er zusammen mit der Bevölkerung eine Aloe-Vera-Farm und eine Kosmetiklinie aufgebaut. Momentan ist er auf Heimaturlaub in der Ostschweiz.
21. September 2017, 10:57
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

nina.rudnicki@tagblatt.ch

«Wenn ich für Heimaturlaub in die Schweiz zurückkomme, arbeite ich fast mehr als in Ecuador», sagt der Waldkircher Bertram Wick. Seit 2015 ist der katholisch-römische Geistliche Bischof von Santo Domingo in Ecuador. Ausgewandert ist der heute 62-Jährige allerdings bereits vor 27 Jahren. Auf der Halbinsel ­Santa Elena betreute er in seiner ersten Pfarrei zunächst 20 Dörfer und baute eine Aloe-Vera-Farm sowie die Kosmetiklinie «Colonche Line» auf. Dank dieser haben einige der rund 10000 Bewohner in dem eher unfruchtbaren Landstrich ein kleines Einkommen.

Kommt Wick in die Schweiz, dann trifft er sich mit dem Vorstand der Kosmetiklinie, befreundeten Priestern und hält Vorträge. Dieses Mal reiste er anschliessend nach Rom, um gemeinsam mit anderen Bischöfen den Papst zu treffen. Bei seinen Heimaturlauben wohnt er meist bei seiner jüngsten Schwester in Widnau. Draussen im Widnauer Garten wachsen Bananenpflanzen und Aloe Vera. «So anders als in Ecuador sieht es hier also gar nicht aus», sagt Wick.

Nach Ecuador zu ziehen war ein Kindheitstraum

Mit seiner Auswanderung nach Ecuador setzte er einen Kindheitstraum in die Realität um. Wick nennt es «Anruf»: Als Primarschüler verteilte er in seiner Freizeit für einen Schulfreund seines Vaters eine Missionszeitschrift. Er sah Bilder von fremden Ländern, las von Armut und Hungersnot. Er erfuhr, dass die abgemagerten Kühe dort gerade einmal einen Liter Milch pro Tag ­geben würden. Wick, der auf einem Waldkircher Bauernhof im Vögeliberg aufwuchs, wusste, dass die schwächsten Schweizer Kühe zehn Liter Milch geben. «Also dachte ich damals: Das kann nicht sein. Die Menschen in diesen Ländern wissen bestimmt nicht, wie man richtig melkt. Vielleicht reise ich eines Tages hin und zeige es ihnen», erinnert sich Wick.

Seinen Bubentraum vom Abenteuer in der grossen Welt vergass er dann aber erst einmal wieder. Nach seiner Matura arbeitete er in verschiedenen Nebenjobs. Unter anderem überwachte er für eine Privatdetektei Ehepaare und Geschäftsleute – der Job ernüchterte ihn. «Ich sah, wie die Menschen sich gegenseitig betrogen und übers Ohr hauten, und war vom Leben enttäuscht. Wie sollte ich 50 Jahre in solch einem Klima von Misstrauen, Bosheiten und Gemeinheiten überleben?», fragt Wick. Er fing an, sich vertieft mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Bald reifte in ihm der Entschluss, Priester zu werden. Ein Berufskollege, der bereits in Ecuador arbeitete, überredete ihn, es doch ebenfalls in Südamerika zu versuchen. Wick kam nach Santa Elena in Ecuador, einer Halbinsel in einer wüstenartigen Gegend. Zusammen mit der Bevölkerung baute er zunächst Gemüse an, um die Armut zu bekämpfen. ­Allerdings war der Erlös zu gering. Auch der Versuch, eine Crevettenzucht aufzubauen, schlug fehl. Dann entdeckte er die Aloe-Vera-Pflanze, die im Umland wie Unkraut wuchs, und kultivierte sie. Seit 2003 verkauft er unter der Kosmetiklinie «Colonche Line» Pflegeprodukte über das Internet und in den Claro-Weltläden.

In Ecuador werden Priester besser behandelt

Als Bischof wird Bertram Wick noch bis zu seinem 75. Lebensjahr arbeiten. In die Schweiz zurückkehren will er allerdings auch nach seiner Pensionierung nicht. Ecuador ist seine Heimat geworden. Wick hat das Bürgerrecht. «In Ecuador habe ich ausserdem mein Netzwerk und kenne so viele Personen. Hier in der Schweiz würde ich nur vereinsamt im Altersheim sitzen und meiner Verwandtschaft Besuche abverlangen», sagt er mit einem Augenzwinkern. Ausserdem ­fühle er sich als Geistlicher mit der ecuadorianischen Glaubens­praxis verbunden. In Ecuador seien die Gläubigen den Priestern gegenüber grosszügiger eingestellt und würden nicht jedes Wort auf die Waagschale legen. Die Meinung der Kirche werde dort mehr respektiert als in der Schweiz. «Aber der Hauptgrund ist, dass ich es in der ganzen Zeit kein einziges Mal bereute, ausgewandert zu sein», sagt er.


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