«Grüezi, Frau Blatter»

GOSSAU ⋅ Nach fünf Wochen Ferien gilt es für die Schüler seit gestern wieder ernst. So auch für die Drittklässler von Michelle Blatter im Notker-Schulhaus. Für die 25-jährige Lehrerin war es der erste Arbeitstag überhaupt.
15. August 2017, 05:16
Angelina Donati

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angelina.donati

@tagblatt.ch

Wenn Kinder mit schwer beladenen Schultheken unterwegs sind und Polizisten ihnen an den Fussgängerstreifen beim Überqueren der Strasse helfen, dann hat die Schulzeit wieder begonnen. Hoch oben, im Notker-Schulhaus, trudeln an diesem ersten Schultag die Kinder langsam ein und versammeln sich in kleinen Gruppen auf dem Pausenplatz. Noch ist die Eingangstür zum Schulhaus verschlossen. Es bleibt also genügend Zeit, um den Gspänli Erlebnisse aus den Ferien zu erzählen. «In der ersten Woche hat mich eine Biene gestochen», sagt ein Knabe zu seinen zwei Freunden und zeigt auf die Stichwunde am Knöchel. Ein anderer Knabe will derweil mit seinem Klassenkameraden einen Treffpunkt ausmachen, um den Schulweg gemeinsam ablaufen zu können.
 

Für jeden ihrer Schüler backte die Lehrerin einen Zopf-Igel. Zoom

Für jeden ihrer Schüler backte die Lehrerin einen Zopf-Igel.

Über 90 Treppenstufen weiter oben im Schulhaus legt Michelle Blatter gerade selbst gebackene Igel aus Zopfteig auf die Pulte der Schüler. Es ist der erste Arbeitstag überhaupt für die 25-Jährige aus Oberbüren. Sie hat soeben ihre Lehrerausbildung abgeschlossen und übernimmt nun eine dritte Primarklasse. «Ein wenig nervös bin ich schon», gesteht sie. «Es ist aber eine schöne Nervosität.» Ganz fremd seien ihr ihre künftigen Schüler nicht, durfte sie doch im vergangenen Schuljahr in einer Lektion reinschauen und sich mit ihnen vertraut machen. Ihr Entscheid, dereinst auf der Primarstufe zu unterrichten, war schnell gefasst, wie Michelle Blatter sagt. Es sei ein spannendes Alter und die Kinder wohl noch am ehesten beeinfluss- und formbar.

Von Seeigeln und Schmachten bei 48 Grad

«Darf ich schon reinkommen?», fragt ein Schüler, der auf der Türschwelle steht und ins Zimmer guckt. Mittlerweile haben sich zahlreiche Kinder im Gang versammelt. Auch einige Mütter begleiten ihre Sprösslinge bis an das Pult und deponieren dort deren persönliche Sitzkissen. Und schon ist es 8 Uhr, und die Glocke für den Beginn des Unterrichts erklingt schrill durch das ganze Schulhaus. Die Kinder eilen an ihre Plätze. «Grüezi Frau Blatter», begrüssen sie ihre neue Lehrerin im Tenor. «Hattet ihr schöne Ferien?», fragt Michelle Blatter. «Jaaa», so die wiederum einstimmige Antwort. Die vergangenen fünf Wochen werden auch gleich zum Thema gemacht. Auf Geheiss der Lehrerin brachte jeder Schüler etwas aus seinen Ferien mit, um es seinen Gspänli zu zeigen und die erlebten Geschichten zu teilen. «Hast du diesen Seeigel selber gefunden?», fragen die Schüler und bestaunen eine kleine gefüllte Glasflasche einer Kameradin. Eine andere Schülerin erzählt, dass sie das erste Mal geflogen sei. Ein Schüler schmachtete bei 48 Grad in Serbien. «Und ich war in Venezia», so eine andere Schülerin. «Also in Venedig? Genau wie ich», ergänzt Michelle Blatter.

Bereits kann die erste Hausaufgabe eingetragen werden. Zoom

Bereits kann die erste Hausaufgabe eingetragen werden.

Das erste Eis ist gebrochen. Mit einem Bewegungsspiel sollen aber alle richtig wach werden. Es wird gelacht, geschwitzt und unfreiwillig löst sich ein Finken vom Fuss einer Schülerin. «Nichts passiert», stellt die Lehrerin fest und schon geht es eifrig weiter mit Beine- und Arme-Schütteln. Zurück auf den Plätzen, erhalten die Schüler bereits auch ihre erste Hausaufgabe, die sie noch gleichentags erledigen sollen: Einen Steckbrief schreiben.

Michelle Blatters anfängliche Aufregung ist längst verflogen, wie sie später sagt. «Es sind liebe Schüler. Schon im Vorfeld wurde mir gesagt, dass das eine herzliche und positive Klasse sei», sagt sie. Und sie hofft, dass es auch so bleiben wird.


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