"Gossau muss mutiger werden"

WAHLEN ⋅ Daniel Lehmann will Stadtpräsident von Gossau werden. Der 50-jährige Ur-Gossauer über seine Motivation, sein soziales Netzwerk und Gerüchte über seine Firma.
23. Oktober 2017, 06:52
Angelina Donati

Angelina Donati

angelina.donati@tagblatt.ch

 

Daniel Lehmann, was ist Ihre Motivation, als Stadtpräsident zu kandidieren?

Als Ur-Gossauer liegt mir die Stadt am Herzen. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam viel bewegen, motivieren und anpacken können. Meine Erfahrungen als Gewerbepräsident und Standortmarketing-Leiter helfen mir dabei, die Stadt weiter voranzutreiben. Gossau hat ein riesiges Potenzial und dürfte viel selbstbewusster in Erscheinung treten.

Kann es denn nicht auch ein Nachteil sein, dass Sie langjähriger Gewerbepräsident waren und dadurch verstrickt sind?

Das kommt auf die Perspektive an. Ich persönlich erachte ein Netzwerk als positiv. Weil ich mit Gossau vertraut bin und die Menschen kenne, kann ich besser agieren. Und so gelange ich effizienter ans Ziel.

Dann sehen Sie in der Verwaltung also Parallelen zur Wirtschaft?

Genau, denn auch ein Unternehmer braucht ein Netzwerk. Ich bin überzeugt, dass dies in der Politik nicht anders ist. Schliesslich muss ich nicht auf einer grünen Wiese neu anfangen, sondern weiss, wo der Schuh in Gossau drückt.

Was zeichnet Sie aus, das Amt des Stadtpräsidenten auszuüben?

In meiner Karriere hatte ich stets Führungspositionen inne. Nach meinem Studium an der ETH habe ich ein Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft sowie eine Weiterbildung in strategischem Management abgeschlossen. Ich führe Menschen gerne, motiviere sie, treibe sie voran und möchte mit ihnen etwas umsetzen.

Wären Sie mit Ihrem Wissen im Bereich Bau nicht die ideale Besetzung für den vakanten Sitz im Stadtrat?

Das stand eigentlich nie wirklich zur Diskussion. Ich bin der Meinung, dass ich von der Erfahrung her eine gesamtheitliche Führung wahrnehmen möchte. Darin unterscheidet sich ein Stadtpräsident vom Stadtrat.

Ist es für Sie kein Problem, wenn Sie exponiert und Kritik ausgesetzt sind?

Dieser Fokus macht mir nichts aus. Wenn man die Freude an einer Tätigkeit hat, ergibt sich auch die Fähigkeit. Dazu gehört zum Beispiel das Krisenmanagement, das zum Tragen kam, als 2006 unser Betrieb niedergebrannt ist. Auch damals stellte ich mich vorne hin und hisste die Fahne. Was die Kritikfähigkeit betrifft: Es gibt immer Leute, die nicht meine Meinung teilen. Dann liegt es an mir, sie trotzdem ins Boot holen zu können.

Sie sagten, dass Sie die Stadt vorantreiben möchten. Welches sind in Ihren Augen «Grossbaustellen»?

Der Masterplan Sportanlagen betrifft mehrere Bereiche und ist darum sehr komplex. Dann der Verkehr: Ich erinnere mich, dass er schon an unserem Küchentisch diskutiert wurde, als ich noch ein Kind war. Ein weiteres Thema sind die Finanzen. Es ist wichtig, dass die Verschuldung unserer Stadt nicht weiter steigt, gleichzeitig sollen die Steuern attraktiv bleiben. Genau weil in Gossau so viele Arbeitsplätze bestehen, müssen wir Sorge tragen, dass die Bewohner hier auch leben. Dazu braucht es dringend erträgliche Miet- oder Kaufpreise von Immobilien. Gossau sollte den Mut haben, städtisch zu bauen. Und als weiteres Thema nenne ich das Sozialwesen, dessen sich die Stadt annehmen muss.

Haben Sie eine konkrete Idee, wie das ewige Verkehrsleiden angegangen oder bereinigt werden kann?

Ich bin der Ansicht, dass uns die grossen Würfe, wie sie in all den Jahren entwickelt wurden, nicht weiterhelfen. Vielmehr können wir in kleinen Schritten vorwärts kommen. Einer meiner Ansätze ist, die Vertreter der Industrie an einen Tisch zu setzen und gemeinsam Lösungen auszuarbeiten. Weiter ist der Verkehr ja «hausgemacht», und daher betrifft es nicht nur den Lastwagenverkehr. Wir müssen den Mut aufbringen, auch mal einen Versuch zu wagen und ihn wieder zu verwerfen, wenn er nicht funktionieren sollte.

Sie haben kurz vor Bekanntgabe Ihrer Kandidatur mitgeteilt, dass Sie das Familienunternehmen verkaufen werden. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ihnen das Amt als Stadtpräsident daher gerade gelegen kommt. Stimmt das?

Eine Gegenfrage: Kann man ein Unternehmen mit knapp 60 Mitarbeitern innert zwei Monaten verkaufen?

Erzählen Sie weiter.

Bereits im Frühling/Sommer mussten wir uns mit der Zukunft des Fensterbaus auseinandersetzen. Die Branche ist schlicht desaströs. Weil es so nicht weitergehen konnte, haben wir im Verwaltungsrat entschieden, mit dem Fensterbau aufzuhören. Im Rahmen von Serviceleistungen wird die Firma vorerst weitergeführt. Zum Glück, und da habe ich stets Wert darauf gelegt, besassen wir ein zweites Standbein – den Bereich für Türen. Hier sind wir einer der führenden Hersteller in der Schweiz. National und international dürfen wir spannende Projekte realisieren. So dürfen wir zum Beispiel das Bundeshaus mit Türen bestücken. Es läuft sehr gut, und wir haben auch viel, zum Beispiel in die Digitalisierung, investiert.

Weshalb wollten Sie denn den Geschäftszweig Türen nicht behalten?

Dieser Bereich, mit knapp 40 Mitarbeitenden, ist mir persönlich zu klein. Ausserdem bin ich dafür zu wenig Schreiner. Und mit meinen 50 Jahren ist es für mich an der Zeit, mich nochmals neu auszurichten. Genau während des Verhandlungsprozesses mit meinem Nachfolger trug die CVP die Anfrage der Stadtpräsidentskandidatur an mich. Ich musste mir darum genau überlegen, wie ich damit umgehen sollte. Eigentlich hatte ich andere Optionen für mich in Aussicht.

Es gibt Gerüchte, dass Sie noch vor dem Firmenverkauf Personal entlassen haben. Stimmt das?

Nein, das ist nicht passiert. Natürlich gab es immer wieder personelle Veränderungen, nicht aber in diesem Zusammenhang. Unsere Firma zählte beim Entscheid zum Verkauf gleich viele Mitarbeiter wie ein Jahr davor.

Die Betriebsliegenschaft verkauften Sie an Ihnen nahestehende Personen. Ist das üblich?

Dazu will ich mich nicht äussern. Das war eine Entscheidung, die insbesondere durch meinen Nachfolger gefällt wurde.

Sie sagen ja selber, dass auch an Sie Gerüchte herangetragen wurden. Weshalb kursieren diese?

Es hat wohl damit zu tun, dass die Branche für Fenster schlecht aufgestellt ist, und auch unsere Firma litt darunter. Als Geschäftsführer steht man nun mal im Fokus, und es ist klar, dass man sich nicht nur Freunde macht. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Dass über alles Mögliche diskutiert wird, ist normal. Gerne gebe ich Auskunft, wenn man mich darauf anspricht. Und auch auf der Firmen-Webseite ist alles chronologisch festgehalten.

Was wäre denn Ihr Plan B, sollten Sie nicht zum Stadtpräsidenten von Gossau gewählt werden?

Das sage ich noch nicht. Ich bin voll im Wahlkampf und möchte mit Herzblut Stadtpräsident werden. Bedenkt man die verschiedenen Mandate und Engagements sowie meine Ausbildungen und Weiterbildungen, stehen mir mehrere andere Möglichkeiten offen.


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