Für Rollstuhlfahrer lauern überall Hindernisse

GOSSAU ⋅ Ein Rundgang durch das Gossauer Zentrum wird für Rollstuhlfahrer zum alltäglichen Hindernislauf. Ein Augenschein.
13. April 2018, 17:08
Noemi Heule
Sieben Minuten. So lange dauert der Weg vom Gossauer Zentrum bis zum Bahnhof. Das besagt der Wegweiser neben dem Coop beim Gerbhof. Schwierig ist er denn auch nicht zu finden, der Bahnhof. Einmal die St. Gallerstrasse überquert, links in die Bahnhofsstrasse eingebogen. An ihrem Ende wartet der Namensgeber. Beschwerlich aber ist der Weg für Klaus Eisert – ein alltäglicher Hindernislauf. Und er dauert für den Rollstuhlfahrer viermal länger als für den gewöhnlichen Fussgänger.

Die Autokolonne schiebt sich am Feierabend träge über die St. Gallerstrasse. Die Fussgänger warten darauf, die Verkehrsader zu überqueren. Mit ihnen Klaus Eisert. Stehen die Autos still, setzt er die Räder in Bewegung. Darauf bedacht, trotz Trottoirkante die Balance zu halten. Das gelingt. Doch das nächste Hindernis lauert auf der andern Strassenseite. Das Trottoir kann er trotz abgeschrägter Kante nicht erklimmen. Sie ist zu steil. Er bleibt stecken. Nimmt erneut Anlauf. Bleibt erneut stecken. Nur mit Hilfe schafft Eisert die Hürde. Nimmt er den Übergang mit Ampel bei der Friedbergstrasse, kommt ein weiteres Problem dazu: Während er an der Trottoirkante feststeckt, springt das Lichtsignal bereits wieder auf rot.
Weiter geht es über die Bahnhofsstrasse. Für Fussgänger kaum spürbar, ist das Trottoir leicht geneigt. Eisert muss Gegensteuer geben, damit ihn die Schwerkraft nicht auf die Strasse zieht.

Schräglage fordert Muskelkraft

Leicht schräge Trottoirs seien ein gängiges Problem für Rollstuhlfahrer, sagt Hanspeter Bieri, Präsident des Rollstuhlclubs St. Gallen. «Das Trottoir hat immer ein wenig Gefälle und zieht den Rollstuhl gegen die Fahrbahn.» Er relativiert: Das sei unvermeidbar, schliesslich müsse das Regenwasser abfliessen können. «Vieles hat mit Übung zu tun», sagt er. Für Personen ohne Erfahrung nämlich könne bereits ein schräges Trottoir einen Kraftakt bedeuten. So auch für Eisert, der seit Anfang Jahr im Rollstuhl sitzt. «Das geht in die Muskeln», sagt er. Und jede Strassenkreuzung wird zum Hindernis.

(Michel Canonica)

Drei Strassen biegen in die Bahnhofstrasse ein. Das macht sechs weitere Hürden für den Rollstuhlfahrer. Jeder Randstein birgt Sturzgefahr. Beim Bahnhof zeigt sich: Ohne Hilfe schafft es Eisert nicht auf den Bus. Die Plattform ist erhöht, eine Rampe gibt es nicht. Das Problem sei bekannt, sagt Urs Salzmann, Kommunikationsbeauftragter der Stadt. Und es hat ein Ablaufdatum. Der neue Bushof verspreche ab 2019 Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen oder Rollatoren. Auch die Lichtsignale auf der St. Gallerstrasse, die nur kurz auf grün aber lange auf rot schalten, würden regelmässig und nicht nur von Behinderten kritisiert. Salzmann gibt den Ball weiter an den Kanton, der für die Strasse zuständig ist. Ein anderes Thema seien die abgeschrägten Kanten. Selbst wenn sie den Vorschriften entsprechen, können sie für Rollstuhlfahrer ein Hindernis sein. Für Sehbehinderte nämlich sei eine Schwelle von wenigen Zentimetern eine Orientierungshilfe.

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