Er kennt jeden Floh

TIERISCHE FREUNDSCHAFT ⋅ Pius Allenspach gehört seit zwei Jahrzehnten ein Abschnitt des Matterwaldes. Dort hatte er schon die seltsamsten Begegnungen. Entdeckt hat er schon Millionen Schneeflöhe und sogar einen Flamingo.
22. Juli 2017, 08:05
Angelina Donati

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angelina.donati

@tagblatt.ch

Wer kann schon von sich behaupten, er besitze Millionen von Schneeflöhen? Pius Allenspach kann es. Allerdings gehören ihm die flinken Tierchen nicht wirklich, sondern viel mehr der Boden, auf dem sie sich fortbewegen. Vor 22 Jahren wurde der Gossauer in einem Zeitungsinserat auf einen Waldverkauf aufmerksam. Seine Entscheidung, die 9000 Quadratmeter grosse Fläche im Matterwald zu erwerben, stand schnell fest. «Dafür aber gab ich das Auto weg», scherzt der vierfache Familienvater. «Es ist interessant: Sobald ich die Geschichte mit dem Auto erzähle, fängt jeder an, genau darüber nachzudenken.» Das Auto aber verkaufte er, weil er es kaum benutzte. Zur Arbeit geht der Schreiner zu Fuss, und in seiner Freizeit schwingt er sich noch so gerne aufs Velo.

Doch zurück zu den Schneeflöhen: Was hat es mit denen eigentlich auf sich? «Es ist schon Jahre her, als ich diese kleinen Tierchen zum ersten Mal entdeckt habe», erzählt Allenspach, der auch an diesem Sommertag auf ihre Anwesenheit gehofft hat. Denn auch im Sommer seien die Schneeflöhe aktiv. Besonders dann, wenn es mehrere Tage hintereinander geregnet hat. «Zuerst dachte ich, auf dem Schnee liege in grossen Mengen Russ», sagt der 56-Jährige. Erst auf den zweiten Blick und beim genauen Hinsehen, stellte er fest, dass es sich um hüpfende Tierchen handelt, die gerade mal zwei bis drei Millimeter klein sind. «Es wimmelte nur noch von ihnen. Das war richtig faszinierend und hat mich überrascht.»

Wald muss regelmässig gepflegt werden

Mal abgesehen von den Schneeflöhen, über die sich Pius Allenspach zuerst schlau machen musste, ist er ein wahrer Kenner in Sachen Natur. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Arnegg, ist er mit der Tier- und Pflanzenwelt bestens vertraut. So kennt er auch seinen Wald in- und auswendig. «War ich mal eine Woche lang nicht mehr da, sehe ich sofort, was sich verändert hat.» Etwa, wo die Amsel Käfer aus dem Moos pickte, an welchem Baumstamm der Rehbock sein Geweih wetzte und an welchen Tannen sich die Eichhörnchen mit Zapfen eindeckten. «Gestern habe ich unter diesem Baumstrunk eine Erdkröte entdeckt», sagt der Gossauer und geht ein paar Schritte weiter in den Wald hinein. Vorsichtig hebt er das Holz an und siehe da: Darunter hat sich eine Erdkröte verschanzt.

Der Wald ist wie eine Wundertüte. Und jedes Mal ist Pius Allenspach wieder aufs Neue fasziniert. «Es ist erstaunlich, was die Natur zu Stande bringt», sagt er und hält ein Eichhörnchennest in den Händen. Das hat der Schreiner hoch oben in einem gefällten Baum erblickt. «Das kleine Nest ist perfekt ausgekleidet, mit feinen Ästen und frischen Buchenblättern.» Diese Eichhörnchenfamilie musste sich wohl oder übel eine neue Bleibe suchen. Zur Pflege des Waldabschnittes gehöre es nämlich auch, hin und wieder Bäume zu fällen, erklärt Allenspach. Damit kräftige Tannen sich über Jahrzehnte weiter gesund entwickeln können, müssen zu schwache Tannen weichen. Auch sei es wichtig, dass die Bäume weit genug voneinander stehen, dadurch genügend Platz haben und die Wipfel auch bei starkem Wind nicht gegeneinander schlagen. Eine Arbeit, die Allenspach noch so gerne dem Förster abnimmt. Schon als Erstklässler habe er zusammen mit seinem Bruder Bäume mit der Handsäge gefällt. Heute aber greift er natürlich zur Motorsäge. Rigoros gefällt wird allerdings nicht, wie er weiter erklärt. Es finden exakte Absprachen mit dem Revierförster statt. Das Holz wird schliesslich zu Brennholz weiterverarbeitet oder bei genügend alten Bäumen erstellt Pius Allenspach Rohbretter daraus.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Zu tun gibt es im Wald immer etwas. Langeweile verspürt Pius Allenspach daher keine. Früher, als seine vier Töchter noch klein waren, hat die Familie auch schon hier im Wald übernachtet. Sogar unter freiem Himmel. «Das ist fantastisch», schwärmt Allens­pach. Auch heute noch verspürt er diese gewisse Zufriedenheit, wenn er sich am Abend von zu Hause mit seinem Velo zum Matterwald aufmacht und in seinem Paradies zu Fuss seine Runden dreht. Dabei hatte er schon Begegnungen der besonderen Art: Regelmässig erblickt er Rehe, die auf der nahe gelegenen Wiese grasen, Füchse, Dachse, Hasen, Mäusebussharde und Fledermäuse. «Ich bin auch schon einer Ameisenspur gefolgt, die nicht mehr enden wollte. Etwa 30 Meter lang war sie.»

Flamingo ist aus Zoo ausgebüxt

Eines Tages traute Allenspach aber seinen Augen nicht, als er einen Flamingo erblickte. Dieser war aus dem Walter-Zoo ausgebüxt und hatte sich in einem Brombeerstrauch verheddert. «Ich dachte, dass ich ihn wie ein Huhn von Hand einfangen könne. Aber weit gefehlt. Plötzlich wollte er nach mir schnappen», sagt der Waldbesitzer und schmunzelt. Ein Anruf beim Zoo reichte, und innert kurzer Zeit waren die Tierpfleger vor Ort. Sie waren bereits schon auf der Suche nach dem Ausbrecher. «Dann ging es ruckzuck. Einmal den grossen Schmetterlingsfänger ausgeworfen, und schon hatten sie den Flamingo eingefangen.»

Am heutigen Tag scheinen alle Tiere im Matterwald aber wie ausgeflogen. Auch die Schneeflöhe halten sich mit ihrer Abwesenheit hartnäckig. «Es hat wohl für ihre Verhältnisse einfach zu wenig geregnet», sagt Allenspach fast entschuldigend. Sobald sie aber wieder da sind, wird er sie wieder unter die Lupe nehmen.


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