Susanne Hälg tritt nach zwölf Jahren als Präsidentin der Kirchgemeinde ab

GOSSAU ⋅ Nach zwölf Jahren tritt Susanne Hälg als Präsidentin der Evangelischen Kirchgemeinde Gossau-Andwil zurück. Eingesetzt hat sie sich für eine offene Kirche, die Treffpunkt für ein ganzes Quartier ist.
23. März 2018, 05:18
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

redaktiongo

@tagblatt.ch

Susanne Hälg kennt an diesem Vormittag im Bistro Witenwies im Gossauer Quartier Mettendorf jeden. Die scheidende Präsidentin der Kirchenvorsteherschaft der Evangelischen Kirchgemeinde Gossau-Andwil wechselt ein paar Worte mit der Servicemitarbeiterin. Sie scherzt mit dem Mann, der an einem der Tische einen Kaffee trinkt, und grüsst einen Grossvater und dessen Enkelin, die auf ein Glas Sirup warten. Anschliessend sagt Susanne Hälg: «So sollte Kirche sein. Sie sollte Anziehungskraft haben und ein Treffpunkt für alle im Quartier sein.»

Genau dazu hat sich das alte Kirchgemeindehaus mit der Erweiterung zum Gemeinschaftszentrum mit Bistro seit der Eröffnung im vergangenen Herbst entwickelt. Im Gebäude ist auch der Offene Jugendtreff angesiedelt. Zudem gibt es ein Musikzimmer und einen Saal, der für private Veranstaltungen gemietet und von Vereinen genutzt werden kann. An diesem Vormittag ist er von einer kircheninternen Gruppe Väter und Mütter belegt, die mit ihren Kindern eine Art Muki-Singen besuchen.
 

Rücktritt ist «Vernunftsentscheid»

Das neue Gemeinschaftshaus ist Susanne Hälgs wichtigstes Projekt. Sie selbst bezeichnet es als «eines ihrer letzten Werke». «Als das Bauprojekt abgeschlossen war, spürte ich, dass der geeignete Schlusspunkt für meine zwölfjährige Amtszeit als Präsidentin gekommen ist», sagt die 67-Jährige und fügt an: «Das Amt ist mir aber keineswegs verleidet, es war eher ein Vernunftentscheid. Jetzt ist neuer Wind gefragt. Es braucht junge, engagierte Personen und neue Blicke.»

An diesem Sonntag wird an der Kirchbürgerversammlung ihr Nachfolger Herbert Weber gewählt. Ganz aus dem Alltag in der Kirchgemeinde zurückziehen möchte sich Susanne Hälg aber nicht. Als Präsidentin hat sie im Schnitt rund 40 Prozent Arbeitszeit in die ehrenamtliche Aufgabe investiert. Nach ihrem Rücktritt möchte sie im Bistro mitarbeiten. «Das Loch, das für mich durch meinen Rücktritt entsteht, gibt mir schon etwas zu denken», sagt sie. Daher habe sie viele Projekte geplant, etwa mehr Zeit mit Gärtnerarbeit im Garten zu verbringen, zu lesen, häufiger Gäste zu empfangen, Ausflüge mit ihren Enkelkindern zu unternehmen und sich wie früher einen Berner Sennenhund zu kaufen.

Susi Hälg lebt im Quartier Mettendorf. Dort ist sie auch aufgewachsen. Bereits ihr Vater präsidierte die Evangelische Kirchgemeinde Gossau-Andwil. «Ich wuchs allerdings in einer sehr liberalen, protestantischen Familie auf», sagt Susanne Hälg. Sie habe eher selten die Gottesdienste besucht. Bis heute seien es vor allem die Gemeinschaft und die sozialen Projekte der Kirche, die sie begeistern würden. «Da ich nicht so oft in der Kirche anzutreffen war, war ich überrascht, als ich 1991 angefragt wurde, ob ich das Ressort Familienhilfe übernehmen und damit Teil der Kirchenbehörde werden wolle.» Susanne Hälg hatte einst medizinisch-technische Assistentin gelernt, ihren Beruf aber aufgegeben, als sie Mutter wurde. Die Aufgabe zu übernehmen sah sie als gute Möglichkeit an, wieder in die Arbeitswelt einzusteigen.
 

Kirche soll offen für alle sein

Später wurde sie Vizepräsidentin und 2006 schliesslich zur Präsidentin der Kirchgemeinde gewählt. «Für mich war das eine riesige Chance. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, etwa in der Personalführung», sagt sie. Als Präsidentin war sie zudem mit dafür zuständig, den Kirchenbürgerinnen und -bürgern bei offenen Stellen Pfarrerinnen und Pfarrer vorzuschlagen. «Für die Mitarbeitenden möglichst optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen und sie zu motivieren, war eine der schönsten Aufgaben im Präsidialamt», sagt sie.

Einige Entwicklungen haben ihr allerdings auch Sorgen bereitet, etwa der Mitgliederschwund in der evangelischen Kirche. «Aber das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist viel mehr ein Grund dafür, die Dinge neu anzugehen. Die Kirche ist gefordert und braucht frische Formen.» Die Kirche dürfe die Menschen nicht bedrängen und vereinnahmen, sondern solle offen für alle sein, auch für kirchenferne Personen. «Als Kirchgemeinde sind wir auf Sympathisanten und Steuerzahlende sowie auf den Austausch und das Miteinander von verschiedenen Religionen, Kulturen und Konfessionen angewiesen», sagt sie. «Nur so kann es gelingen, unsere christlichen Werte zu erhalten.»

 


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