Ein seltener Fund vor der Kirche

BERNHARDZELL ⋅ Momentan wird der Kirchplatz neu gestaltet. Per Zufall sind Bauarbeiter auf einen grossen Steindeckel gestossen, unter dem sich ein Sodbrunnen befindet. Dieser soll nun offengelegt werden.
23. August 2017, 05:17
Angelina Donati

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angelina.donati

@tagblatt.ch

Plötzlich wollen viele Bürger schon vor dem Fund Kenntnis von einem Sodbrunnen aus alten Zeiten gehabt haben. Tatsächlich wussten nur wenige, dass ein solcher existieren muss, wo genau aber, blieb bisher unklar. Denn in keinem Dokument wird der geschichtsträchtige Brunnen erwähnt. Entsprechend «aus dem Häuschen» waren nun alle, als Ende Juli dieses seltenes Exem­plar entdeckt wurde. Eigentlich zufällig, wie einer der Bauarbeiter sagt. Im Zuge der Neugestaltung des Kirchplatzes in Bernhardzell seien sie plötzlich auf eine grosse Steinplatte gestossen. «Zuerst dachten wir, dass sich ­darunter ein Grab befinden könnte.» Mit einem Bagger hoben sie die schwere Steinplatte an und bewegten sie zur Seite: Zum Erstaunen aller Beteiligten klaffte darunter eine riesige Öffnung mit einem Aussendurchmesser von 1,8 Meter und einem Innendurchmesser von einem Meter. Die Wände bestehen aus grossen Bollensteinen. Rund 7,5 Meter geht es in die Tiefe, erkennbar sind allerdings nur drei Meter, der Rest ist mit Grundwasser gefüllt.

Die Freude über diesen Fund ist bei Gemeindepräsiden­t Aurelio Zaccari gross. «Erst mussten wir aber abklären, worum es sich genau handelt und wie der Bauverlauf weiter voranschreiten kann.» Der Befund einer Archäologin des Kantons St. Gallen war eindeutig: «Es handelt sich hierbei um einen Sodbrunnen. Dieser gehört zu den tiefsten und weitesten, die der Kantonsarchäologie, ausserhalb von Burgen, im Kanton bekannt sind.» Die Lage unmittelbar bei der Kirchenzugangstreppe deute darauf hin, dass der Brunnen spätestens beim Bau der heutigen Pfarrkirche St. Johannes Baptist, also 1776–1778, entweder ausser Betrieb genommen wurde oder damals schon ausser Betrieb war. Damit wurde damals wohl die Wasserversorgung für die Anwohner sichergestellt.

Durch das Guckfenster in den Brunnen sehen

Schnell war klar, dass ein solch wertvolles Fundstück nicht einfach wieder unter dem Teer verschwinden soll. Ganz im Gegenteil: Die Bernhardzeller sollen ­etwas davon haben. Mit einem Architekturbüro hat die Gemeinde vier mögliche Szenarien ausgearbeitet, wie der Brunnen der Öffentlichkeit gezeigt werden kann: den Brunnen mit der Steinplatte wieder verschliessen und ein Metallschild darauf montieren, die Brunnenöffnung mit einer Glasplatte versehen, die Öffnung aufmauern oder ein Guckfenster mit Trichter und Innenbeleuchtung. Bei letzterer Variante sieht Aurelio Zaccari lauter Vorteile und den grössten Nutzen. «Es braucht wenig Platz und ist modern.» So bleibe ausserdem die Durchfahrt zwischen Kirchenmauer und der einen Liegenschaft weiterhin problemlos bestehen. «Einfach nur den Boden mit einem Schild zu versehen wäre schade. Einen so grossartigen Fund sollten wir unbedingt hervorheben, auch unserer Nachfahren wegen.»

Anklang findet diese Lösung auch bei den Anwohnern, mit denen die Gemeinde ein erstes Gespräch geführt hat. Und auch die Bodenbesitzerin, die Katholische Kirchgemeinde, spricht sich laut Zaccari dafür aus. Generell sei die Freude der Bernhardzeller über die Offenlegung dieses Fundes gross, sagt Zaccari. «Gleich mehrere Personen haben mir ein Mail geschrieben und mir ihre Ideen mitgeteilt.» Natürlich aber dürften die Kosten nicht ganz ausgeblendet werden. Für alle Arbeiten, die es braucht, um den Brunnen sichtbar zu machen, rechnet der Gemeinderat mit rund 30000 Franken. Die Neugestaltung des Kirchplatzes kostet total 308000 Franken. Zaccari hofft, dass sich an den Kosten für den Brunnen auch der Kanton beteiligen wird.

«Die Aufwertung des Platzes an sich wird eine gefreute Sache. Der Brunnen macht das Projekt sogar noch spezieller», freut sich Zaccari. «Es ist wie ein Geschenk.» Nun soll es aber zü­gig vorwärtsgehen. Wie geplant, dauern die Bauarbeiten noch bis Ende September. Gut möglich, dass gleichzeitig das Guck-Erlebnis eingeweiht wird.

 


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