Die Starthelfer

WALDKIRCH ⋅ Bei Familie Egli-Siller spriesst an jeder Ecke ein Fenchel. Nicht weil das die Leibspeise der Waldkircher wäre, aber jene von Schwalbenschwanzraupen. Dieses Jahr flatterten 100 Schmetterlinge aus ihrem Garten.
24. August 2017, 05:19
Corinne Allenspach

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Nein, Familie Egli-Siller isst nicht jeden Tag Fenchel. «Die meisten Pflanzen sind für die Futterproduktion der Raupen», sagt Roland Egli und lacht. Zwischen Mai und August nimmt er täglich sämtliche Fenchel im Garten unter die Lupe. Und das sind einige. Mit Argusaugen sucht er nach klitzekleinen, goldgelben Punkten: den Eiern des wohl schönsten einheimischen Schmetterlings, des Schwalbenschwanzes. Hat der 46-Jährige ein Ei des bedrohten Falters entdeckt, bricht er das Fenchelzweiglein ab und bringt die Eier in Sicherheit vor Fressfeinden. Nach fünf Tagen schlüpfen die Babyraupen. Viele gefrässige Tage später verpuppen sie sich, bevor sie als wunderschöner Schwalbenschwanz aus Eglis Garten entschweben. Das sind jeweils Freudentage für die Familie. Und solche gibt es einige. «Wir haben dieses Jahr fast 100 Schwalbenschwänze losgelassen», sagt Roland Egli. Eine beachtliche Zahl. Vor allem, wenn man bedenkt, dass alles zufällig angefangen hat.

Es war am Tag, als Roland Egli und seine Frau Rebecca Siller das Trampolin im Garten aufstellten. Just in diesem Moment beobachteten sie einen Schwalbenschwanz, der seine Eier im Fenchel ablegte. Roland Egli, der als Sohn einer Bauernfamilie in Wittenbach aufgewachsen ist und schon als Kind fasziniert war vom schönen Falter, war sensibilisiert. Als er später in der «Tierwelt» einen Artikel des Berner Raupenbauern Papa Papillon las, nahm die Geschichte ihren Lauf. «Papa Papillon schrieb, in jeden Garten gehöre ein Fenchel. Die Raupen könne man ihm später zur Aufzucht schicken», erinnert sich Egli. Für den Waldkircher war sofort klar: er wollte sich diesen «Umweg» sparen. Lieber bestellte er selber Raupenkästen, so genannte Aerarien, und pflanzte fleissig Fenchel, auch mehrjährigen Gewürzfenchel, der inzwischen grösser ist als Egli selber.

Er könnte auch Rüebli, Dill oder Kerbel pflanzen, aber er möchte es möglichst einfach halten. «Mir geht es einfach darum, dass ein paar Schwalbenschwänze mehr überleben als sonst.» Ein Weibchen legt 50 Eier. In der Natur schaffen es nur zwei bis zum Schmetterling. Egli sieht sich gewissermassen als «Starthelfer».

Sagt’s, und öffnet den Reissverschluss eines Aerariums. Das Krabbeln der Raupen ist unüberhörbar, einige sind gerade daran, sich zu verpuppen. Sie werden erst nächsten Frühling schlüpfen und bei Eglis im Garten überwintern. Letztes Jahr taten dies 35 Puppen, diesmal werden es wohl noch mehr sein.

Den Kleinen kitzelt es zu sehr, der Grosse freut sich

Die Raupenzucht ist für den Waldkircher, der als Bereichsleiter ­Gerätebau in einem technischen Beruf arbeitet, ein Ausgleich. Gleichzeitig ist es eine Wertvorstellung, die er dem fünfjährigen Franco und dem dreijährigen Jorin mitgeben möchte: «Wenn jeder nur ein bisschen etwas tun würde, würden sich viele Tiere bei uns wieder wohler fühlen», ist Egli überzeugt. Dem kleinen Jorin sind die krabbelnden Raupen allerdings suspekt – zu sehr kitzeln sie ihn. Dafür hat Franco umso mehr Freude und hilft kräftig mit. Der Vater denkt indes daran, als nächstes in einer Ecke des Gartens Brennnesseln wachsen zu lassen und eine Blumenwiese anzulegen. Besonders freuen würde ihn, wenn es plötzlich hiesse: In Waldkirch gibt es wieder viele Schwalbenschwänze.


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