So herrscht der neue Gossauer Stadtpräsident Wolfgang Giella über "seine" Bibliothek

GOSSAU ⋅ Im Juni tritt Wolfgang Giella sein Amt als Stadtpräsident von Gossau an. Momentan waltet er als Bibliotheksleiter in Winterthur. Er ist überzeugt: Ob Stadt oder Bibliothek, die Diskussionen bleiben dieselben.
10. Februar 2018, 11:27
Noemi Heule

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noemi.heule

@tagblatt.ch

Der König von Gossau, so erklärte Wolfgang Giella seiner Tochter sein neues Amt als Stadtpräsident. Nur: Im Unterschied zu einem König habe er nichts zu sagen, sondern könne nur Ideen einbringen. Momentan gebietet Giella über ein weit kleineres Reich, die Hochschulbibliothek der ZHAW in Winterthur. In einer früheren Industriehalle auf dem Sulzerareal, einem von drei Standorten, reiht sich Bücherregal an Bücherregal, dazwischen schmiegen sich Arbeitsplätze in die Nischen. Stille beherrscht den Raum, der nun ganz der Kopfarbeit verschrieben ist. Dass früher hier, in der einstigen Schlosserei, mit schwerer Maschinerie hantiert wurde, davon erzählen wuchtige Kräne, die als Relikte von den Decken hängen.

Giella ist es gewohnt, Gäste durch die Büchergassen zu führen. Die Bibliothek gilt als Vorzeigebau, als "eine der modernsten Fachhochschulbibliotheken von Europa", wie Giella selbst 2015 in einem Artikel schrieb. Immer wieder sind Delegationen aus dem In- und Ausland zu Gast. Giella erzählt ihnen von Facility Management, Licht Design oder Open Space Research, die der Innenarchitektur zu Grunde liegen. Von der "Lernlandschaft" im Obergeschoss, die von Wohnzimmer-Atmosphäre, Ruheliegen, Stehtischen oder abgeschlossenen Arbeitskabäuschen alles bietet, um sich auszutauschen oder konzentriert zu arbeiten.
 

"Am Schluss geht es immer ums Geld"

Giella weiss zu jedem Flecken, jeder Ecke etwas zu erzählen, schliesslich konnte er hier von der Idee bis zu Umsetzung walten. Einzig der Denkmalschutz hat der Gestaltung Grenzen gesetzt; die Industriehalle aus den 1930er-Jahren ist geschützt. Zwischengeschossen, Treppen, Grossraumbüro oder Belüftungssystem, alles muss dereinst vollständig zurückgebaut werden können. Und natürlich legte der Kanton den finanziellen Rahmen fest. Ideen hätte Giella viele mehr. Er erzählt, was man noch verändern, noch verbessern könnte. "Aber das überlasse ich meinem Nachfolger", sagt er.

Wenn Giella durch "seine" Bibliothek führt, ist es offensichtlich: Er plant, er gestaltet gerne. Die Bibliothek, sie ist seine kleine Stadt, eine Werkstatt dafür, was ab Juni auf ihn zukommt. Parallelen zwischen der Leitung einer Bibliothek und dem Stadtpräsidium sieht Giella denn auch genug: Auch ein Bibliotheksleiter müsse täglich Kompromisse eingehen, um Lösungen zu finden. "Man kann Leute erfreuen und muss andere enttäuschen." Täglich habe man mit verschiedenen Gremien zu tun. Heute seien das Gremien, die sich mit Open Access im Bibliothekswesen befassen, morgen sei es dann vielleicht der Regionalverkehrsverbund. Und die wichtigste Gemeinsamkeit: Das Geld. "Am Schluss geht es immer ums Geld."

Ob in Chur, Gossau oder Winterthur, die Diskussionen werden ähnlich sein, davon ist Giella überzeugt. Einzig die Inhalte, sie werden sich verändern. Die Dossiers seien denn auch der grösste Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft. Bis im Juni will er sich so gut es geht einarbeiten in die Dokumente, die den Spielraum für das Amt vorgeben, etwa den kantonalen Richtplan. Einen grossen Bruch zwischen Alex Brühwiler, nach 17 Jahren im Amt, und ihm soll es nämlich nicht geben. "Es darf ruckeln und holpern, aber nicht ins Schleudern geraten." Und: Er versuche sich nicht verrückt zu machen. Denn die Erwartungen sind hoch; die Gossauerinnen und Gossauer haben Giella gewählt, weil sie von ihm, dem unverbrauchten Auswärtigen, einen Aufbruch erhoffen. "Es muss aber nicht schon im Juli alles anders sein."

Vorerst bedeutet die Wahl vor allem für Wolfgang Giella selbst einen Aufbruch. Und einen Abschied von der Bibliothek in der Fabrikhalle, die sich in Winterthur entlang der Gleise streckt, in der früher Maschinen dröhnten und heute Köpfe rauchen. Zwar falle es schwer, etwas zurückzulassen, das man noch weiterentwickeln könne, sagt er. Er sei aber der Typ, der gerne aufbaut und dann übergibt. "Und in einer Stadt wie Gossau kann man permanent etwas aufbauen."
 

Legastheniker, Akademiker, Stadtpräsident

Im Gegensatz zur Bibliothek, die er in der leeren Hülle der Fabrikhalle plante, sei in Gossau bereits viel Vorarbeit geleistet, viele Weichen seien gestellt. Nur die Geschwindigkeit, mit der er die Weichen bewältige – etwa den Masterplan Sportanlagen – könne er beeinflussen. Wie schnell, das kann Giella noch nicht sagen. Aber mit Ausdauer. "Mein Programm lässt sich nicht komplett in acht Jahren realisieren." Beharrlichkeit sei das Rezept, das ihn vom leichten Legastheniker zum Akademiker, zum Bibliotheksleiter und zum Stadtpräsidenten vorantrieb.

Ein Stadtpräsident zum Anfassen, wolle er künftig sein, mit einer offenen Tür. Jemand, der seine Macht dazu nutzt, sie den Bürgern zurückzugeben. Nur seine Tochter, sie war mit seiner Erklärung nicht zufrieden. Ein König, der allein nichts zu sagen hat, das sei kein richtiger König.

 

Zur Person

Wolfgang Giella ist 1965 in der Nähe von Stäfa ZH geboren. Der Vater zweier Töchter wohnt in Chur und arbeitet in Winterthur, wo er die ZHAW-Hochschulbibliothek leitet. Er begann seine Ausbildung mit einer KV-Lehre und studierte später Sprachwissenschaften, Indogermanistik und Zentralasienkunde in Zürich und Göttingen. Nach dem Doktortitel hängte er ein Nachdiplomstudium in der Verwaltungsleitung an. (nh


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