100-Jähriger in Gossau: Den Humor nie verloren

GEBURTSTAG ⋅ Jakob Frischknecht feierte gestern seinen 100. Geburtstag. Obwohl im Altersheim zu Hause, ist er selbstständig. Das Jassen hat er momentan beiseite gelegt und dafür eine neue Beschäftigung gefunden.
03. Oktober 2017, 05:17
Angelina Donati

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angelina.donati

@tagblatt.ch

100 Jahre alt. Welch ein aussergewöhnliches Ereignis! Das findet auch Jakob Frischknecht. Einmal so alt werden zu dürfen – damit habe er nicht gerechnet. Strahlend sitzt er an diesem Morgen auf einem Stuhl in einem oberen Stockwerk des Altersheims Abendruh in Gossau. Sein Neffe Bruno Frischknecht stellt währenddessen den mitgebrachten Blumenstrauss in die Vase.

Ein Geschenk, mit dem man Jakob Frischknecht eine grosse Freude bereiten kann. «Ihm sind Blumen lieber als zum Beispiel eine Flasche Wein», sagt sein Neffe. Das habe wohl damit zu tun, dass Jakob Frischknecht bis weit über seine Pension als Baumwärter tätig war. Aufgewachsen auf dem Bauernhof, ist er seit jeher naturverbunden.

Als Knecht einen Franken pro Tag verdient

Ein paar Jahre lang lebte die Familie damals in Waldstatt. Später wurde sie im Weiler Tal bei Waldkirch heimisch. «Wir waren zwar Einwohner der Gemeinde Waldkirch, zur Schule mussten wir aber nach Andwil und in die Kirche nach Abtwil», erzählt Jakob Frischknecht und schmunzelt. Das waren noch Zeiten. Eine Stunde dauerte der Fussmarsch zum Schulhaus. «Natürlich habe ich ab und zu getrödelt», sagt er und lächelt verschmitzt. In bester Erinnerung bleibt ihm, wie er einmal in einem Bienennest gestochert hat, um Honig herauszunehmen. «Danach musstest du bestimmt davonrennen, nicht wahr?», fragt ihn sein Neffe. «Ach, die machen doch nichts, sie beissen nur ein bisschen», beschwichtigt Jakob Frischknecht.

Er war das fünfte von zehn Kindern. In diesem Jahr sei nun seine noch letzte verbleibende Schwester verstorben. Dass die Kinder auf dem Hof mitanpacken mussten, war selbstverständlich. «Es war eine strenge Zeit. Zu tun gab es jede Menge.» Soeben die Schule abgeschlossen, fragte ausserdem ein Landwirt um Mithilfe als Knecht, die er gerne annahm. «Pro Tag verdiente ich einen Franken.» Später zog er nach Arnegg und arbeitete in der Obstverwertung in Bischofszell. Ständiger Begleiter war dabei sein BMW-Töff. Mit diesem machte er auch Touren. Noch so gerne unternahm er Wanderungen – sei es mit Freunden oder mit den Geschwistern. Ins Tessin reiste er am liebsten mit dem Zug. «Dort gefällt es mir ganz besonders», sagt Jakob Frischknecht. «Die Natur unterscheidet sich von der Gegend hier. Es hat dort ganz andere Bäume.» Als Kenner fallen ihm diese sofort ins Auge. Zudem sehe er sich jeweils den Baumschnitt an. Auch hier im Garten des Altersheim Abendruh beobachtet er gerne die Gärtner bei der Arbeit: «Einmal habe ich ihnen gesagt, dass sie die Bäume nicht korrekt geschnitten haben», erzählt er. «Das aber hörten sie gar nicht gerne.» Bei kleineren Tätigkeiten, wie etwa die Hochbeete bepflanzen, darf er ab und zu mithelfen.

Weltgeschehen entgeht ihm nicht

Langweilig wird’s dem 100-jährigen Bewohner ohnehin nie, wie er beteuert. Zwar sei mittlerweile seine Lebenspartnerin verstorben und auch seine Freunde aus früheren Jahren. Das fröhliche Gemüt will sich Jakob Frischknecht dennoch nicht nehmen lassen. Schon sein ganzes Leben lang klopft er gerne einen Jass. Momentan macht er eine Pause. Dafür aber malt er nun mit grosser Begeisterung. Daraus entstehen unter anderem Papierblumen, die als Tischdekoration ­dienen. Auch unternimmt er Spaziergänge, etwa zur Stadtbühlpark-Migros für einen kleinen Einkauf. «Und er liest viel, die Zeitung und auch den ‹Beobachter›», ergänzt sein Neffe. So entgingen ihm auch die starken Wirbelstürme in Florida nicht. Genau die Gegend, die er in den 1970er-Jahren bereiste, habe es schwer getroffen. «Hier bleiben wir bislang von solchen Katastrophen zum Glück verschont.»

Ein Rezept, wie man im hohen Alter noch so fit und rüstig bleibt, hat Jakob Frischknecht nicht. «Womöglich war es gut, dass ich nie geraucht habe.» Gerade geht ein Pfleger mit einem 98-jährigen Bewohner an Jakob Frischknecht vorbei. «Er holt schon bald auf», spasst der Pfleger. «Ach was, das ist doch noch kein Alter», ruft Jakob Frischknecht augenzwinkernd hinterher und steckt mit seinem unbeschwerten Lachen alle an.


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