Gossauer Stadtpräsidium: Giella ist das grössere Risiko

LEITARTIKEL ⋅ Am 26. November wählen die Gossauerinnen und Gossauer den Nachfolger für Stadtpräsident Alex Brühwiler. In seinem Leitartikel analysiert Redaktor Sebastian Schneider die Ausgangslage und schreibt: "Mit Wolfgang Giella können die Stimmbürger mehr gewinnen - sie können aber auch mehr verlieren."
11. November 2017, 08:30
Sebastian Schneider

Daniel Lehmann (CVP) und Wolfgang Giella (parteilos) als Kandidaten fürs Gossauer Stadtpräsidium sind das Resultat zahlreicher Abklärungen und geheimer Absprachen von Vertretern der fünf Gossauer Parteien. Daniel Lehmanns Kandidatur machte die CVP bereits vor den Sommerferien bekannt. Mit der eigenen Kandidatur und dem Namen Lehmann hat die grösste Lokalpartei ihre Macht demonstriert und politische Gegner beeindruckt. Lange Zeit dauerte es, bis sich die anderen vier Parteien zusammenrauften und schliesslich einen Gegenkandidaten präsentierten. Mit der Bekanntgabe von Wolfgang Giella liess sich die Findungskommission bis kurz vor Eingabefrist Zeit. An diesem Tag haben sich einige Gossauer verwundert die Augen gerieben: Ein linker Bündner.

Mitten im Wahlkampf befinden sich auch Bruno Egli und Max Brunner. Egli will mit seiner erneuten Kandidatur der Stimmbürgerschaft eine Auswahl bieten. Das ist ehrenhaft. Und es belebt die Demokratie. Es würde nicht erstaunen, wenn Bruno Egli einige Proteststimmen auf sich vereinen könnte. Komplettiert wird das Kandidatenfeld von Max Brunner, der vor allem durch seine unrühmliche Präsenz am Gossauer Bahnhof bekannt wurde. Obwohl er sich selber gute Chancen ausmalt, dürfte klar sein, dass er nur wenige Stimmen machen wird. Max Brunner ist der neue Farbtupfer in der Gossauer Politik, mehr aber nicht.

Das Rennen werden Daniel Lehmann und Wolfgang Giella unter sich ausmachen. Obschon immer mehr Stimmen laut werden, die sagen, dass beide Kandidaten nicht wählbar seien. Daniel Lehmann habe in der Privatwirtschaft nicht überzeugen können, Wolfgang Giella auf der anderen Seite sei ein fremder Intellektueller. Diese Stimmen sind gemäss dem «Gozauer» an allen Stammtischen in Gossau zu hören. Die Unzufriedenen sollen doch, so auch die Empfehlung eines Leserbriefschreibers, etwa den Namen eines Nachbarn auf den Wahlzettel schreiben. Taktisch gesehen ist das der richtige Weg, wenn man sich nicht auf einen Kandidaten festlegen kann. Denn nur ein Stimmausweis mit Name hat die Wirkung einer gültigen Stimme. Und je mehr gültige Stimmen sich auf verschiedene Namen verteilen, desto schwieriger haben es die offiziellen Kandidaten, das absolute Mehr zu erreichen. Dadurch können die Unschlüssigen erreichen, dass am 28. Januar ein zweiter Wahlgang durchgeführt wird.

Die beiden Kandidaten als grösseres oder kleineres Übel zu betrachten, ist aber weder fair noch berechtigt. Beide Kandidaten sind top ausgebildet und haben einen reichen Erfahrungsschatz. Beide sind Familienväter und belastbar. Dem Urteil gewichtiger Gossauer Akteure darf durchaus auch Vertrauen geschenkt werden. Daniel Lehmann wird nicht per Zufall von der Handels- und Industrievereinigung Gossau (HIG) unterstützt; er ist zweifellos ein erfolgreicher Unternehmer. Und seine Kritiker haben bislang nichts offenlegen können, das gegen Daniel Lehmanns unternehmerische Kompetenzen sprechen würde. Seine gute Vernetzung in der Gossauer Wirtschaft wäre für den Stadtpräsidenten Lehmann gewiss ein Vorteil. Lehmann hat zweifellos die Qualifikation, die Stadt zu verwalten. Offen bleiben die Fragen, wie gut ihm der Rollenwechsel zum Berufspolitiker gelingen würde und ob er willens wäre, auch neue Wege zu gehen, um noch mehr aus dem Potenzial von Gossau herauszuholen.

Hinsichtlich Weiterentwicklung der Stadt ist Wolfgang Giella mehr zuzutrauen. Der Leiter der Hochschulbibliothek in Winterthur hat Wissen, Ideen und Visionen. In bemerkenswert kurzer Zeit saugte der gebürtige Zürcher Informationen über Gossau auf, wie es wahrscheinlich keiner vor ihm tat. Sofort bewies er, dass er dossierfest ist. Immerhin war es Giella gelungen, acht gestandene Politiker aus vier Gossauer Parteien so zu beeindrucken, dass sich die Findungskommission kurzerhand entschied, ausschliesslich auf ihn zu setzen.

Die Gescheitesten sind aber nicht immer die besten Politiker. Ein Stadtpräsident ist nicht nur Chef und Stratege, sondern auch eine Identifikationsfigur. Er muss nahe bei den Leuten sein und ihnen das Gefühl geben, ihre Anliegen seien bei ihm gut aufgehoben. Obschon sich Wolfgang Giella tüchtig ins Zeug legt und eine hohe Präsenz zeigt, muss man sich fragen, ob er als Stadtpräsident genug nahbar wäre. Zudem weiss niemand – auch er nicht – ob aus ihm ein Gossauer würde, der sich mit Herzblut für die Stadt einsetzt. Wolfgang Giella ist für die Stimmbürger das grössere Risiko: Mit ihm können sie mehr gewinnen, sie können aber auch mehr ver­lieren.

Bei der Ersatzwahl in den Stadtrat dürften auch die grössten Skeptiker nicht viel zu meckern haben. Drei politische Grössen aus allen drei politischen Blöcken wollen die Nachfolge von Bauchef Stefan Lenherr (CVP) antreten. Eine bessere Auswahl kann man sich nicht wünschen, zumal alle drei die Gossauer Politik aus dem Effeff kennen. Die Milizpolitiker sind beruflich erfolgreich unterwegs, was für einen Goss­auer Stadtrat, der nur mit 60 Stellenprozent bemessen wird, wichtig ist.

Vollblutpolitikerin Monika Gähwiler-Brändle von der SP, derzeit höchste Gossauerin, beweist mit ihrer Kandidatur, dass sie Politikerin aus Leidenschaft ist. Und dass ihr die Stadt, über die sie ein tiefes Wissen besitzt, am Herzen liegt. Auch glaubt man ihr, wenn sie sagt, sie schätze jeden Bewohner Gossaus, unabhängig der politischen Gesinnung. Gähwiler ist eine integrative Persönlichkeit und tut der Gossauer Politik gut. Nur ist fraglich, ob die Stadt Gossau heute schon bereit ist für einen linken Stadtrat. Die SP konnte bei den vergangenen Wahlen punkto Parlamentssitze zwar zur Flig und zur FDP aufschliessen, dennoch ist sie mit 12,3 Prozent Wähleranteil (Parlamentswahlen 2016) immer noch die kleinste der fünf Parteien. Die SP ist die einzige Partei in Gossau, die ein Gegengewicht zum bürgerlich konservativen Lager darstellt. Die kleine, aber schlagfertige Truppe sollte sich auf ihre Oppositionsrolle konzentrieren und weiter wachsen, ehe sie sich in der Exekutive beteiligt.

Stefan Harder von der Flig ist bodenständig und ein guter Redner. Das hat er am Tagblatt-Podium deutlich demonstriert. Mit seinem Engagement als langjähriger Flig-Politiker macht er mehr als glaubhaft, dass er durch und durch Goss­auer geworden ist und die Stadt als Exekutiv-Mitglied mitgestalten will. Stefan Harders Politik ist perfekt eingemittet. Er kann auf beide Seite hören und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Dank seiner beruflichen Tätigkeit als Personalleiter und seines Wirtschaftsverständnisses ist Harder gewiss eine gute Wahl – wäre da nicht noch eine weitere Kandidatin:

Claudia Martin von der SVP. Lange hat die Volkspartei darauf hingearbeitet, ihr Aushängeschild in einen Wahlkampf für ein Exekutivamt zu schicken, nun ist es so weit. Zwölf Jahre politisiert die Berufsschullehrerin bereits in der Legislative: bis 2013 im Stadtparlament, seither im Kantonsrat. Claudia Martin ist durch ihre konziliante Art auch ausserhalb der SVP beliebt und wählbar. Sie politisiert stramm bürgerlich, kann aber auch zuhören. Zweifellos bringt sie die Fähigkeiten mit, um in einer Kollegialbehörde mitwirken zu können. Kommt hinzu, dass mit ihr die zweitgrösste Partei endlich im Stadtrat vertreten wäre. Die SVP hegt schon lange Interesse, mehr Verantwortung zu übernehmen und hat die Chance verdient. Zudem gelänge mit der Wahl Martins Gossau eine politische Sensation: Eine Frauenmehrheit in der Exekutive.

Sebastian Schneider


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